Das Rif-Gebirge in Marokko

Wer an Marokko denkt, hat oft die Sahara im Kopf. Doch der Norden zeigt ein anderes Gesicht. Denn hier zieht sich das Rif-Gebirge mit tiefgrünen Wäldern und schroffen Kalksteinfelsen entlang der Mittelmeerküste. Der gewaltige Gebirgsbogen ist eine Gegend, in der das raue Bergland unmittelbar auf das Mittelmeer trifft und ein landschaftliches wie kulturelles Kontrastprogramm zu den trockenen Ebenen Südmarokkos darstellt.

Die wichtigsten Städte in der Region des Rif-Gebirges sind Tanger, Tétouan und Chefchaouen. Ihre Architektur zeugt vom andalusischen Erbe der Flüchtlinge, die nach der Reconquista aus Spanien kamen. Doch jenseits der Stadtmauern beginnt das Land der Berber. In den kleinen Dörfern des bergigen Hinterlandes ist das Leben noch oft sehr ursprünglich. Es wird nicht allein von der anspruchsvollen geografischen Lage und dem Cannabisanbau geprägt, sondern auch von der historisch gewachsenen Widerständigkeit gegenüber der Zentralregierung in Rabat.

Fakten zum Rif-Gebirge

Das Rif-Gebirge wird traditionell von Berbern bewohnt und zählt statistisch zu den ärmsten und abgehängtesten Gebieten Marokkos. Die historisch angespannten Beziehungen zwischen den Stämmen und der arabisch geführten Regierung haben über Jahrzehnte hinweg zu einer wirtschaftlichen Vernachlässigung geführt, die erst in jüngster Zeit langsam aufgebrochen wird.

Geographie und Lage

Aus geologischer Perspektive bildet das Rif-Gebirge den nördlichsten Ausläufer des marokkanischen Gebirgssystems, jedoch ist es enger mit Südspanien verwandt als mit dem Atlasgebirge. 

Über 350 Kilometer erstreckt es sich von Tanger im Westen bis zur Mündung des Moulouya nahe der algerischen Grenze. Da sich die feuchten Luftmassen des Mittelmeers an den Nordhängen stauen, ist das Rif-Gebirge die regenreichste Zone Marokkos. Dieser Lage verdankt die Region deswegen eine Fruchtbarkeit, die man in Nordafrika kaum vermuten würde. Mit 2448 m ist der Djebel Tidiquin der höchste Punkt der Gipfelkette.

Flora und Fauna

Die Natur im Rif-Gebirge wirkt an vielen Stellen fast europäisch. In den kühlen Höhenlagen wachsen Spanische Tannen (Abies pinsapo) und Atlas-Zedern (Cedrus atlantica). Tiefer sind Korkeichen und Olivenhaine fester Bestandteil der Flora. Besonders im Frühling, wenn der Regen die Täler grün färbt, gleicht das Rif-Gebirge einem botanischen Garten.

Einen ganz wesentlichen Unterschied zur europäischen Tierwelt bilden die Berberaffen, die vor allem in den Wäldern des Talassemtane-Nationalparks leben. Diese Makaken sind die einzigen ihrer Art außerhalb Asiens. Wenn man auf den Maultierpfaden der Nationalparks unterwegs ist, sieht man zudem oft Wildschweine oder Schakale. Darüber hinaus patrouillieren an der Küste über den steilen Klippen und einsamen Buchten große Greifvögel wie Fisch- und Steinadler. 

Die widerständige Geschichte des Rif-Gebirges

Das Rif war seit jeher das Land der Imazighen (Berber). Bevor der Islam im 8. Jahrhundert die Region erreichte, hinterließen Phönizier, Römer und Byzantiner bereits ihre Spuren an der Mittelmeerküste. Eine Zäsur setzte im 15. Jahrhundert mit der Vertreibung der Mauren aus Spanien ein. Sie brachten die andalusische Architektur und Musik nach Marokko und gründeten Städte wie Chefchaouen.

Im 20. Jahrhundert wurde das Gebirge zum Schauplatz eines der ersten antikolonialen Staatsversuche Afrikas. Der ehemalige Richter Abdelkrim al-Khattabi einte die zerstrittenen Stämme und rief 1921 die Rif-Republik aus. Zuvor hatten seine Kämpfer den spanischen Truppen in der „Katastrophe von Annual“ eine vernichtende Niederlage zugefügt. Doch die Antwort der europäischen Kolonialmächte war brutal. Ab 1923 setzten die Spanier deutsches Senfgas gezielt gegen ganze Dörfer ein und zwangen 1926 im ersten aerochemischen Krieg der Geschichte die Rif-Republik zur Kapitulation.

Doch auch nach der Unabhängigkeit Marokkos im Jahre 1956 kehrte keine Ruhe ein. Die Menschen im Rif-Gebirge wehrten sich gegen die strikte Verwaltung aus dem fernen Rabat, was 1958/59 zu einem blutigen Aufstand führte. Unter dem späteren König Hassan II. folgte eine jahrzehntelange Marginalisierung der Rif-Berber. Diese Ära der „Jahre des Bleis“ hat sich ins kollektive Bewusstsein der Rif-Bevölkerung eingeschrieben. Erst mit dem Thronwechsel zu Mohamed VI. im Jahr 1999 begannen staatliche Investitionen und eine vorsichtige politische Annäherung an die rebellische Nordregion.

Highlights im Rif-Gebirge

Das Rif lässt sich grob in zwei Welten unterteilen. Zum einen in die Küstenstädte wie Tanger und Tétouan, zum anderen in das Hinterland mit seinen abgeschiedenen Bergdörfern und den Nationalparks. Die steilen Kalksteinklippen und die einsamen Buchten bilden einen scharfen Kontrast zu den dicht bewaldeten Gipfeln des Talassemtane-Nationalparks. Dazwischen liegen Orte wie Chefchaouen oder die beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla.

Akchour: Wasserfälle und Felsbrücken

Etwa 45 Minuten Fahrzeit von Chefchaouen entfernt liegt das Dorf Akchour. Es ist das Zentrum für Outdoor-Aktivitäten im Rif. Bekannt ist der Ort für die „Gottesbrücke“ (Pont de Dieu), eine natürliche Felsformation, die den Oued Farda in großer Höhe überspannt. Wanderwege führen durch wasserreiche Schluchten zu mehreren Kaskaden. Im Frühjahr ist hier nicht viel los. Im Hochsommer dagegen nutzen Einheimische die kühlen Felspools zum Baden. 

Al-Hoceima-Nationalpark: Felsküste und Einsamkeit

Der große Nationalpark schützt einen der unberührtesten Abschnitte der marokkanischen Mittelmeerküste. Die Kalksteinfelsen des Rif-Gebirges stürzen hier teilweise hunderte Meter steil ins Meer hinab. Dazwischen liegen kleine Kieselbuchten, die meist nur über schmale Pfade oder mit dem Boot erreichbar sind. Wanderer treffen mit etwas Glück auf Fischadler.  Im Vergleich zum Westen der Region steckt der Tourismus hier noch in den Kinderschuhen.

Chefchaouen, die blaue Stadt

Die Stadt verdankt ihre internationale Bekanntheit den blau gestrichenen Fassaden der Medina, die ursprünglich im 15. Jahrhundert als Zufluchtsort für Exilanten aus Spanien entstand. Chefchaouen liegt an den steilen Hängen des Rif-Gebirges und ist heute das wichtigste touristische Anlaufziel der Region. Jenseits der bekannten Fotomotive dient der Ort als Ausgangspunkt für Trekkingtouren und Tageswanderungen im Rif. Die Wege in der Altstadt sind holprig und steil, weshalb festes Schuhwerk hier ebenso wichtig ist wie die Bereitschaft, sich in den verwinkelten, oft überlaufenen Gassen zu verlieren.

Ceuta & Melilla: Europäische Splitter

Die beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla sind faktisch EU-Boden auf dem afrikanischen Kontinent. Umgeben von massiven Grenzanlagen, sind sie geschäftige Frei- und Fährhäfen. Ceuta liegt dicht an der Straße von Gibraltar und ist sehenswert. Auch Melilla hat mit seiner immensen Festung und der bemerkenswerten Dichte an Jugendstil-Architektur einiges zu bieten. Für Reisende, die auf diese Weise kurz von Marokko nach Spanien reisen, entsteht in den Exklaven ein bizarrer Kontrast. Innerhalb weniger Meter wechselt man von marokkanischen Märkten zu spanischen Tapas-Bars und Euro-Preisen.

Tanger: Hafenstadt zwischen den Welten

Tanger hat sich in den letzten Jahren massiv gewandelt. Die Stadt an der Straße von Gibraltar war lange als zwielichtige Adresse für Literaten und Spione bekannt. Heute ist die Kasbah saniert und es sind der hochmoderne Containerhafen Tanger–Med sowie eine neue Strandpromenade entstanden. Wer durch die Gassen der Medina läuft, spürt den ständigen Wind vom Atlantik und sieht bei klarem Wetter die spanische Küste. Es ist ein rauer, windiger Einstieg in die westlichsten Ausläufer des Rif-Gebirges.

Talassemtane-Nationalpark: Die Bergwildnis

Direkt hinter Chefchaouen beginnt der Talassemtane-Nationalpark. Er schützt einige der  letzten Tannenbestände Marokkos. Die Landschaft ist schroff, wasserreich und oft nebelverhangen. Ein Netz aus alten Maultierpfaden verbindet entlegene Bergdörfer, in denen die Zeit stillzustehen scheint. Da das Wetter im Rif schnell umschlagen kann und im Winter sogar Schnee in den Hochlagen liegt, sind für mehrtägige Trekkingtouren wetterfeste Kleidung und ein erfahrener Guide ratsam.

Tétouan: Das andalusische Erbe

Tétouan unterscheidet sich architektonisch deutlich von anderen marokkanischen Städten. Die Neustadt (Ensanche) mit ihren breiten Boulevards wirkt fast wie ein Viertel in Madrid. Die weiß getünchte Medina zählt in ihrer Gesamtheit zum UNESCO-Welterbe. Hier siedelten sich einst viele Flüchtlinge aus Andalusien an und brachten ihr Handwerk sowie ihren Baustil mit. Die Stadt wirkt aristokratischer und ist weniger touristisch als Chefchaouen.

Trekking im Rif-Gebirge

Wandern im Rif-Gebirge fühlt sich oft eher nach Südeuropa als nach Nordafrika an. Die Wege führen durch schattige Wälder aus Korkeichen, Zedern und seltenen Spanischen Tannen. Durch den Schatten sind die Touren selbst im Sommer erträglicher als im kahlen Hohen Atlas. Das Rif-Gebirge ist wasserreich und zerklüftet, sodass die Landschaft beim Wandern ständig zwischen tiefen Schluchten und steilen Kalksteinwänden wechselt. Als wichtigster Ausgangspunkt dient der Talassemtane-Nationalpark. Von dort aus führen bekannte Routen zur Gottesbrücke oder zu den Wasserfällen bei Akchour.

Für anspruchsvollere Touren bietet sich der fünftägige Marsch von Chefchaouen nach Bab Taza an. Auf dieser Strecke sind täglich oft mehr als 1.000 Höhenmeter zu überwinden, und die Übernachtungen finden bei Berberfamilien in abgelegenen Bergdörfern statt. Wer hier unterwegs ist, erhält einen ungeschönten Einblick in den Alltag der Region, da die Pfade regelmäßig an den weitläufigen Kif-Plantagen rund um den Jebel Tidirhine vorbeiführen.

Ganz andere Bedingungen herrschen im Al-Hoceima-Nationalpark direkt am Mittelmeer. Dort verlaufen die Pfade oberhalb der Steilküste und enden oft in einsamen Badebuchten, die man nur zu Fuß oder mit dem Boot erreicht. 

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Haschisch im Rif-Gebirge

Man kann das Rif-Gebirge nicht verstehen, ohne über Cannabis zu sprechen. Der Anbau hat hier eine jahrhundertealte Tradition. Marokko zählt heute zu den weltweit größten Exporteuren von Haschisch. Für die lokale Bevölkerung in den Bergdörfern stellt die Pflanze oft die einzige stabile Einnahmequelle dar. Ein Gesetz aus dem Jahr 2021 hat die Lage zwar verändert und erlaubt den Anbau unter staatlicher Aufsicht zu medizinischen oder industriellen Zwecken, doch der private Freizeitkonsum bleibt offiziell verboten.

Für Urlauber ist die Situation widersprüchlich. In Orten wie Chefchaouen wird das Rauchen von Kif mehr oder minder toleriert, aber rechtliche Sicherheit bietet das nicht. Wer auf der Straße von fliegenden Händlern kauft, riskiert neben Ärger mit der Polizei auch überhöhte Preise und schlechte Qualität. Ein höfliches, aber klares „Lla“ (Nein) reicht meist aus, um aufdringliche Verkäufer abzuwimmeln.

Absolute Zurückhaltung ist vor allem beim Wandern wichtig. Die Kif-Felder zu fotografieren oder die Menschen bei der Arbeit abzulichten, kann zu Konflikten führen und sollte deshalb unterbleiben. Auch beim Konsum selbst ist Diskretion ratsam. Was Einheimische im Hinterzimmer eines Cafés tun, ist kein Freibrief für Touristen. Private Orte wie uneinsehbarere Dachterrassen oder die Abgeschiedenheit der Natur sind der einzige Raum, in dem man kein Risiko eingeht.

Ein irrwitziger Fehler wäre der Versuch, Haschisch über die Grenzen nach Spanien mitzunehmen. Die spanischen und marokkanischen Behörden kontrollieren scharf und setzen Spürhunde ein.

Tipps für Reisen in das Rif-Gebirge

Wetter und beste Reisezeit

Das Klima im Rif weicht deutlich vom Rest Marokkos ab, da die Nähe zum Mittelmeer für viel Feuchtigkeit sorgt. Wer wandern möchte, sollte das Frühjahr zwischen März und Juni wählen. In dieser Zeit ist die Landschaft grün, die Wasserfälle führen viel Wasser und die Temperaturen bleiben moderat. Auch der September und der Oktober sind für Trekkingtouren geeignet, allerdings fällt in diesen Monaten die Kif-Ernte, was die Kapazitäten der Unterkünfte in den Bergen einschränken kann.

Den Hochsommer im Juli und August meidet man als Wanderer besser, da die Hitze in den tieferen Tälern drückend wird. Im Winter, etwa von November bis März, schlägt das Wetter oft um. In den Hochlagen des Talassemtane-Nationalparks fällt dann regelmäßig Schnee und die Temperaturen sinken empfindlich ab. Da viele einfache Unterkünfte in den Dörfern keine Heizung haben, sind die kalten Monate für Trekkingtouren nur mit spezieller Ausrüstung zu empfehlen.

Anreise

Der wichtigste Verkehrsknotenpunkt im Norden ist Tanger mit seinem internationalen Flughafen und seinem Fährhafen. Von dort wie auch von Fès aus ist Chefchaouen in zwei bis drei Stunden erreichbar. Die Linienbusse von CTM oder Supratours bieten hier die zuverlässigste Verbindung über gut ausgebaute Straßen an. Alternativ kann man auch ein Grand Taxi nehmen. Bei diesen Sammeltaxis teilt man sich das Fahrzeug mit fünf weiteren Passagieren.

Natürlich kann man auch mit dem eigenen Fahrzeug oder einem Mietwagen ins Rif-Gebirge fahren. Doch in den Bergen ist am Steuer Vorsicht geboten, denn die Bergstraßen sind extrem kurvig und führen oft über steile Kämme. Bei Regen ist auf den Strecken durch das Gebirge jederzeit mit Steinschlag zu rechnen.

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Übernachtung im Rif-Gebirge

Chefchaouen ist der sinnvollste Ort, um eine Reise ins Rif zu beginnen. Hier gibt es die größte Auswahl an Riads und Hostels, zudem lassen sich vor Ort unkompliziert Bergführer finden oder Ausrüstung ergänzen. Wer längere Touren plant, sollte sich in der Stadt mit Proviant eindecken, da die Versorgungslage im Rif-Gebirge recht dünn wird.

Hinter den Stadtgrenzen ändert sich der Standard sofort. In den Bergdörfern schläft man in einfachen Gîtes oder bei Familien. Diese Unterkünfte sind oft sehr schlicht und verfügen selten über Heizungen, weshalb ein guter Schlafsack sinnvoll ist. Die Herzlichkeit der Gastgeber gleicht den fehlenden Komfort meist aus, doch man sollte auf eine sehr einfache Lebensweise eingestellt sein.

Wanderführer und Landkarten für das Rif-Gebirge

Autorenbild Schmidt

Joachim Schmidt ist Journalist und Kommunikationswissenschaftler. Seit 2000 ist er jedes Jahr in Marokko unterwegs, zunächst als Backpacker, später als Reisejournalist und heute am liebsten mit der Familie. Dabei verbindet er sein gesammeltes Hintergrundwissen mit großer Leidenschaft für die marokkanische Kultur und Küche. Seinen Tag beginnt er am liebsten mit einem Espresso in einem kleinen Straßencafe in der Medina.

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