Marokko mit dem Zug: Auf Schienen durch das Königreich

Wer Marokko auf eigene Faust bereisen möchte und dabei auf einen Mietwagen verzichten will, kommt an der Bahn kaum vorbei. Das Zugnetz Marokkos zählt zu den zuverlässigsten Verkehrssystemen des Landes. Züge verkehren regelmäßig, Tickets sind erschwinglich und die wichtigsten Städte lassen sich ohne große Planung miteinander verbinden. In Kombination mit Fernbuslinien ist die Bahn für viele Routen eine echte Alternative zum Auto, auch dann, wenn das Ziel nicht direkt an einer Schienenstrecke liegt.

Das marokkanische Zugnetz folgt klaren geografischen Linien. Der Schwerpunkt liegt im Nordwesten des Landes und verbindet Tanger, Rabat, Casablanca, Fès, Meknès und Marrakesch. Auf diesen Achsen ist der Zug oft das schnellste und planbarste Verkehrsmittel. Fahrpläne werden meist eingehalten, die Züge sind klimatisiert und auch längere Strecken lassen sich bequem zurücklegen.

Die ONCF betreibt sowohl klassische Fernzüge als auch den Hochgeschwindigkeitszug Al Boraq. Dieser verkehrt zwischen Tanger, Kenitra, Rabat und Casablanca und verkürzt die Reisezeiten auf einer der wichtigsten Verkehrsachsen des Landes deutlich. Abseits dieser Hauptverbindungen wird das Netz jedoch schnell dünner. Südlich von Marrakesch und östlich von Fès endet der Schienenverkehr praktisch vollständig.

Viele Bahnhöfe fungieren zugleich als Verkehrsknotenpunkte. Fernbusse, Taxis und häufig auch Supratours-Busse starten direkt am Bahnhof oder in unmittelbarer Nähe. Der Umstieg gelingt meist problemlos, selbst ohne Ortskenntnisse. Gerade für Reisende ohne eigenes Fahrzeug ist diese enge Verzahnung von Zug und Bus von Vorteil.

Das Schienennetz in Marokko

Insgesamt umfasst das marokkanische Zugnetz rund 3.600 Kilometer und etwa 130 Bahnhöfe. Auf einer Streckenkarte wird schnell deutlich, wie ungleichmäßig die Infrastruktur verteilt ist. Während der Korridor von Tanger über Rabat und Casablanca bis nach Marrakesch gut ausgebaut ist, fehlen in weiten Teilen des Landes Zugverbindungen vollständig.

Innerhalb dieses Korridors ist die Bahn eine verlässliche Option für nahezu alle Distanzen. Außerhalb davon muss man auf Busse, Taxis oder Mietwagen zurückgreifen. Besonders für Fahrten ins Atlasgebirge, in Richtung Sahara oder an die südliche Atlantikküste spielt der Zug daher keine Rolle.

Technisch lässt sich das Netz in zwei Bereiche einteilen. Zum einen gibt es die Hochgeschwindigkeitsstrecken des Al-Boraq-Systems, zum anderen das klassische Fernverkehrsnetz mit Intercity- und Regionalzügen. Beide Systeme sind in einem gemeinsamen Fahrplan organisiert und lassen sich kombinieren, solange Start- und Zielort an einer Schienenachse liegen.

Auf offiziellen Karten sind zudem geplante Hochgeschwindigkeitsstrecken eingezeichnet, etwa in Richtung Marrakesch oder Agadir. Diese Projekte wurden mehrfach angekündigt, sind bislang jedoch nicht umgesetzt worden

Al Boraq: Afrikas erster Hochgeschwindigkeitszug

Mit der Einführung des Hochgeschwindigkeitszugs Al Boraq im Jahr 2018 hat sich das Bahnreisen im Norden Marokkos spürbar verändert. Die Verbindung zwischen Tanger, Kenitra, Rabat und Casablanca richtet sich an Pendler, Geschäftsreisende und alle, die längere Distanzen ohne großen Zeitverlust zurücklegen möchten. Der Zug fährt auf einer eigenen Trasse und erreicht Geschwindigkeiten von bis zu 320 km/h, wodurch sich die Fahrt zwischen Casablanca und Tanger auf rund zwei Stunden verkürzt.

Die Züge verkehren tagsüber in engem Takt und bieten auch zu Stoßzeiten ausreichend Kapazität. Technisch orientiert sich Al Boraq an europäischen Hochgeschwindigkeitszügen, wurde jedoch an die klimatischen Bedingungen Marokkos angepasst.

Die klassischen Fernzüge Marokkos

Abseits der Hochgeschwindigkeitsstrecke trägt das klassische Fernverkehrsnetz den Großteil des Personenverkehrs. Diese Züge verbinden Casablanca mit Marrakesch, Fès, Meknès und Oujda und sind vor allem für touristische Routen von zentraler Bedeutung. Besonders die Verbindung zwischen Casablanca und Marrakesch zählt zu den meistgenutzten Strecken des Landes.

Zwar bieten diese Züge keine Höchstgeschwindigkeit, aber dennoch Zuverlässigkeit, Klimatisierung und moderate Preise. Die regelmäßigen Abfahrten ermöglichen eine flexible Reiseplanung. Langfristig ist vorgesehen, Teile dieses Netzes in das Hochgeschwindigkeitssystem zu integrieren, darunter auch die Strecke nach Marrakesch. Für aktuelle Reisen bleibt dies jedoch Zukunftsmusik.

Zug von Casablanca nach Marrakesch

Die Verbindung zwischen Casablanca und Marrakesch ist für viele Reisende der Einstieg ins marokkanische Bahnfahren. Die rund 130 Kilometer lange Strecke wird in etwa zweieinhalb Stunden zurückgelegt und mehrfach täglich bedient. Dadurch lässt sie sich problemlos in die meisten Reiserouten integrieren.

Vom Flughafen Casablanca aus bestehen sehr häufige Zugverbindungen, allerdings mit Umstieg am Bahnhof Casablanca Oasis. Je nach Anschluss kann dies zu zusätzlicher Wartezeit führen. Wer eine durchgehende Fahrt bevorzugt, kann auf ein Taxi ausweichen. Diese Option ist jedoch teurer und bietet gegenüber der Bahn zeitlich kaum Vorteile.

Die Grenzen des Bahnnetzes

So gut das Zugnetz im Nordwesten Marokkos funktioniert, so klar sind auch seine Grenzen. In Marrakesch endet der Schienenverkehr derzeit vollständig. Von dort führen keine Gleise weiter nach Süden in Richtung Agadir oder nach Osten in die Atlasregion. Entsprechend sind viele Ziele im Süden des Landes, darunter Agadir, Essaouira oder Ouarzazate, nicht direkt mit dem Zug erreichbar.

Die häufig diskutierte Verlängerung der Strecke in Richtung Agadir ist bislang nicht umgesetzt, taucht jedoch regelmäßig in langfristigen Infrastrukturplänen auf. Für die aktuelle Reiseplanung ist sie jedoch irrelevant.

Praktisch ist dagegen, dass die ONCF mit Supratours ein gut abgestimmtes Busnetz betreibt, das direkt an den Bahnverkehr anschließt. Auf vielen Routen endet die Zugfahrt in Marrakesch direkt am Supratours-Busbahnhof, wo der Anschlussbus bereits wartet. Kombinierte Tickets decken beide Abschnitte ab, sodass der Umstieg reibungslos gelingt und man auch ohne eigene Planung ans Ziel kommt.

Fahrpläne, Buchung und Preise bei der ONCF

Tickets lassen sich an den Schaltern und an Automaten in den Bahnhöfen erwerben. Sie sind preislich moderat und akzeptieren sowohl Bargeld als auch gängige Kreditkarten. Spontankäufe sind möglich. Doch bei stark frequentierten Verbindungen kann es sinnvoll sein, ein bis zwei Tage im Voraus zu buchen. Dies gilt insbesondere für die 1. Klasse und die Hochgeschwindigkeitszüge.

Online-Tickets kann man auf der ONCF-Webseite kaufen. Die Bezahlung erfolgt per Kreditkarte, wobei vereinzelt Probleme mit ausländischen Karten gemeldet werden. Alternativ übernehmen viele Hotels oder lokale Reisebüros die Buchung gegen eine kleine Servicegebühr.

In den Fahrplänen unterscheidet die ONCF zwischen schnellen Verbindungen wie Al Boraq und den Atlas-Zügen sowie langsameren Regionalzügen. Erstere sind reservierungspflichtig und vollständig klimatisiert. Letztere halten häufiger und sind günstiger, bieten jedoch weniger Komfort.

Preislich liegt die Bahn meist auf oder leicht unter dem Niveau der großen Fernbusanbieter. Der Aufpreis für den Hochgeschwindigkeitszug beträgt grob rund 30 Prozent, macht sich aber durch deutlich kürzere Reisezeiten bemerkbar.

Die folgende Tabelle gibt eine Orientierung über Fahrzeiten und durchschnittliche Preise.

VerbindungPreis (1.Kl./2.Kl.) | Dauer
Tanger – Marrakesch390 / 225 DH | 5,5 h 
Casablanca – Marrakesch90 / 50 DH | 2,5 h
Casablanca – Fès90  / 70 DH | 4-5 h
Casablanca – El Jadida55 / 40 DH | 1,5 h
Casablanca – Rabat70 / 45 / 2 h
Marrakesch – Fès350 / 260 DH | 7 h
Meknès – Fès30 / 25 DH | 0,5 h
Meknès – Tètouan*245 / 195 DH | 4,5 h
Rabat – Fès120 / 80 DH | 3 h

*Strecken wie nach Tétouan werden als kombiniertes Ticket (Zug + Supratours-Bus) angeboten.

Wie sind die Züge in Marokko?

Der Zustand der Züge ist insgesamt gut, variiert jedoch je nach Strecke. Auf den Hauptachsen sind die modernen Fernzüge und Hochgeschwindigkeitsverbindungen mit funktionierender Klimaanlage und kurzen Fahrzeiten eine enorme Verbesserung. Auf regionalen Strecken fällt die Ausstattung einfacher aus, bleibt jedoch zweckmäßig. 

In beiden Wagenklassen wird sicher gereist. Die 1. Klasse bietet reservierte Sitzplätze und etwas mehr Platz, entweder in kleineren Abteilen oder in großzügigen Großraumwagen. In der 2. Klasse gibt es keine feste Sitzplatzzuweisung, was bei hoher Auslastung zu engeren Verhältnissen führen kann.

Der Preisunterschied zwischen den Klassen ist gering, weshalb sich die 1. Klasse auf längeren Strecken oft lohnt. An der Fahrzeit ändert sich dadurch nichts; Ziel und Ankunftszeit bleiben unverändert.

Entgegen älteren Berichten verkehren auf der Nord-Süd-Achse zwischen Tanger und Marrakesch keine Nachtzüge mit Schlaf- oder Liegewagen mehr. Alle Verbindungen werden tagsüber bedient.

Praktische Tipps für Zugreisen in Marokko

Auf längeren Fahrten ist es ratsam, eigene Getränke und Snacks mitzunehmen. Besonders während des Ramadan kann das Bordangebot eingeschränkt sein oder ganz entfallen. Auch außerhalb dieser Zeit ist nicht für jede Verbindung eine Versorgung garantiert.

Die Durchsagen in den Zügen sind nicht immer gut verständlich und erfolgen meist auf Arabisch und Französisch. Es hilft, die ungefähre Ankunftszeit zu kennen oder die Strecke vorab kurz zu prüfen. Eine Karten-App reicht oft aus, um den Fortschritt der Fahrt einzuordnen.

Am Zielbahnhof, insbesondere in touristischen Städten, bieten sich gelegentlich selbsternannte Helfer oder Guides an. Sie versprechen Unterstützung bei der Weiterfahrt oder beim Finden einer Unterkunft, erwarten dafür jedoch eine Bezahlung. Wer das nicht möchte, lehnt freundlich ab und nutzt die offiziellen Taxis direkt vor dem Bahnhof.

Autorenbild Schmidt

Joachim Schmidt ist Journalist und Kommunikationswissenschaftler. Seit 2000 ist er jedes Jahr in Marokko unterwegs, zunächst als Backpacker, später als Reisejournalist und heute am liebsten mit der Familie. Dabei verbindet er sein gesammeltes Hintergrundwissen mit großer Leidenschaft für die marokkanische Kultur und Küche. Seinen Tag beginnt er am liebsten mit einem Espresso in einem kleinen Straßencafe in der Medina.

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