Warum Marokkos Ziegen auf Bäume klettern

Auf der Landstraße zwischen Marrakesch und Essaouira verändert sich die Vegetation. Das satte Grün des Nordens weicht einer kargen, staubigen Halbwüste. Wer hier den Blick hebt, traut seinen Augen oft nicht, denn in den ausladenden Kronen der dornigen Arganbäume stehen Ziegen. Keine optische Täuschung, sondern eine überlebenswichtige Anpassung an eine der trockensten Regionen des Landes.

Warum Ziegen überhaupt auf Bäume klettern

Dass Ziegen auf Felsen steigen, ist bekannt. In Südwestmarokko haben sie den vertikalen Lebensraum jedoch perfektioniert. Da der karge Boden kaum Gras oder Kräuter hergibt, erschließen sich die Tiere mit den Früchten und Blättern des Arganbaums (Argania spinosa). eine höhergelegene Futterquelle.

Die gelben, pflaumengroßen Arganfrüchte sind extrem energiereich. Um an sie heranzukommen, balancieren die Tiere auf hufbreiten Ästen in mehreren Metern Höhe. Während die Ziegen das bittere Fruchtfleisch verdauen, bleiben die harten Kerne übrig.

Lange hielt sich die Legende, dass das wertvolle Arganöl aus den Kernen gewonnen wird, welche die Ziegen wieder ausspeien oder ausscheiden. Das ist heute ein Mythos. Für die moderne Ölproduktion werden ausschließlich frische, vom Baum gefallene Früchte gesammelt und von Hand oder maschinell weiterverarbeitet.

Der Arganbaum und sein begrenztes Revier

Marokkos Ziegen auf Bäumen gibt es nur hier, weil auch ihr Wirtsbaum fast ausschließlich im Südwesten Marokkos gedeiht. Die sogenannte Arganeraie, das Verbreitungsgebiet zwischen Agadir und Essaouira, ist von der UNESCO als Biosphärenreservat geschützt.

Der Baum ist ein biologisches Bollwerk gegen die Sahara. Mit Wurzeln, die bis zu 30 Meter tief in die Erde reichen, übersteht er jahrelange Dürreperioden und stabilisiert den Boden vor Erosion. Doch die Symbiose mit den Ziegen ist zweischneidig. Denn einerseits verbreiten die Tiere die Samen, andererseits schädigt zu starker Verbiss die ohnehin langsam wachsenden Kronen. Um den Bestand zu schützen, werden während der Haupterntezeit bestimmte Waldgebiete für die Ziegenherden gesperrt.

Wann man in Marokko Ziegen in Bäumen sehen kann

Die besten Chancen auf die Sichtung von Ziegen in den Bäumen bestehen zwischen dem späten Frühjahr und dem Hochsommer, wenn die Arganfrüchte reifen.

Entlang der Küstenstraße N1 oder der Strecke R207 zwischen Marrakesch und Essaouira gehören die kletternden Herden mehr oder weniger zum Landschaftsbild.

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zu Ziegen auf Bäumen in Marokko

Sind die Ziegen auf Bäumen in Marokko echt oder nur gestellt?

Die Ziegen auf den Bäumen sind kein Mythos. Sie klettern tatsächlich selbstständig hinauf, um an Blätter und Früchte zu gelangen, vor allem in trockenen Regionen mit wenig Futter am Boden. Gleichzeitig hat sich das Motiv auch zu einer Einnahmequelle entwickelt. Manche Tiere werden gezielt platziert, um Fotos zu ermöglichen. Das Phänomen der Ziegen in den Bäumen ist jedoch real.

Autorenbild Schmidt

Joachim Schmidt ist Journalist und Kommunikationswissenschaftler. Seit 2000 ist er jedes Jahr in Marokko unterwegs, zunächst als Backpacker, später als Reisejournalist und heute am liebsten mit der Familie. Dabei verbindet er sein gesammeltes Hintergrundwissen mit großer Leidenschaft für die marokkanische Kultur und Küche. Seinen Tag beginnt er am liebsten mit einem Espresso in einem kleinen Straßencafe in der Medina.

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