Der marokkanische Fennek

Welcher riesenohrige Zwerghund kann schnurren wie eine Katze und im Bedarfsfall kläffen wie die Handtasche, in die er passt? Und sieht dazu noch so knuffig aus, als wäre er einem japanischen Comic entsprungen? Die Rede ist vom Fennek. Wer dem kleinsten Wildhund der Welt zum ersten Mal in den Dünen Südmarokkos begegnet, traut seinen Augen kaum: Mit seinem sandfarbenen Seidenfell und dem buschigen Schwanz wirkt er wie eine optische Täuschung.

Doch diese Niedlichkeit täuscht. Hinter der zierlichen Fassade steckt ein hochspezialisierter Überlebenskünstler. Sein Name, abgeleitet vom arabischen fanak für Fuchs oder Fell, deutet bereits auf sein markantestes Merkmal hin. 

Mit gerade einmal anderthalb Kilogramm Gewicht ist der Fennek (Vulpes zerda) zwar ein Fliegengewicht unter den Raubtieren, dafür allerdings perfekt an das gnadenlose Leben im endlosen Sandmeer angepasst.

Steckbrief Fennek

Wissenschaftlicher NameVulpes zerda
LebensraumSandwüste (Ergs) in Südmarokko, trockene, sandige Gebiete (Tunnelgräber).
Größe/GewichtNur etwa 1–1,5 kg (leichter als eine Hauskatze).
Merkmale10-15 cm große Ohren zum Jagen und Regulieren der Körpertemperatur, dichtes Fell als Hitzeschutz, behaarte Pfotensohlen, langer und buschiger Schwanz.
ErnährungAllesfresser (kleine Nagetiere, Eidechsen, Früchte, Insekten), jagt über sein Gehör im Sand versteckte Kleintiere und benötigt zur Nahrung kein zusätzliches Wasser.
SozialverhaltenWüstenfuchs-Familien leben in komplexen Tunnelsystemen, oft mit den Bauen anderer Fenneks verknüpft.
GefährdungBedroht durch Bejagung und Handel,dennoch ungefährdet laut IUCN, weltweite Erhaltungszuchtprogramme.

Biologie

Der Fennek (Vulpes zerda) ist der kleinste Wildhund der Welt und perfekt an das Leben in den sandigen Weiten der Sahara angepasst. Mit seinem cremefarbenen Fell, dem buschigen Schwanz und den charakteristischen Riesenohren wiegt er kaum mehr als eineinhalb Kilogramm. In Marokko findet man diesen nachtaktiven Jäger vor allem in den südlichen Erg-Regionen, wo er in komplexen Tunnelsystemen lebt und als meisterhafter Überlebenskünstler der extremen Hitze und des Wassermangels trotzt.

Ohren als Klimaanlage

Seine bis zu 15 Zentimeter langen Ohren machen ein Fünftel der Körperoberfläche aus. Sie sind weit mehr als nur ein Hörorgan. Durch die feinen Blutgefäße in den Ohrmuscheln gibt der Fuchs überschüssige Wärme ab, wodurch er sich ohne Wasserverlust kühlt. Ein extrem niedriger Stoffwechsel – etwa ein Drittel unter dem vergleichbarer Säuger – reduziert zudem die innere Hitzeentwicklung und spart wertvolle Energie.

Behaarte Sohlen und meisterhafte Tarnung

Mit einer Körperlänge von maximal 39 Zentimetern verschwindet der Fennek optisch fast im Sand. Sein helles Fell dient als Tarnkappe und reflektiert zugleich Sonnenlicht. Eine Besonderheit sind die dicht behaarten Pfotensohlen. Dieser natürliche Schutz bewahrt ihn vor Verbrennungen auf dem bis zu 70 °C heißen Boden und sorgt dafür, dass er lautlos und ohne einzusinken über lockere Dünen jagt.

Jagdverhalten und Wasserunabhängigkeit

In der Nacht nutzt er seine vergrößerten Paukenhöhlen im Schädel, um Beute wie Wüstenspringmäuse oder Insekten tief unter der Sandoberfläche zu orten. Als Allesfresser ist er effizient. Er frisst Nagetiere, Eidechsen, Vögel und Früchte. Seinen Flüssigkeitsbedarf deckt er dabei fast ausschließlich über die Nahrung. Seine Nieren arbeiten so effizient, dass er theoretisch nie trinken muss und monatelang ohne Wasserquellen auskommt.

Fortpflanzung und Alter

Fenneks leben sozial und pflichtbewusst. Nach der Paarung im Winter kommen im März oder April zwei bis fünf Jungtiere zur Welt. Während der 50-tägigen Tragzeit und der ersten Wochen im Bau übernimmt das Männchen die alleinige Jagd für die Familie. In der Wildnis erreichen die Tiere meist ein Alter von sechs bis zehn Jahren, während sie in Gefangenschaft bis zu 14 Jahre alt werden können.

Lebensraum 

Der Fennek bewohnt die nordafrikanischen und nahöstlichen Wüstengürtel. Sein Lebensraum erstreckt sich über die gesamte Sahara und den Sahel, von Mauretanien und Marokko im Westen bis nach Ägypten und dem Sudan im Osten. Auch auf der Sinai-Halbinsel sowie im Süden Israels ist der kleine Wüstenfuchs heimisch. Er besiedelt Regionen wie die Nubische Wüste sowie weite Teile Libyens, Tunesiens und Algeriens, wo er auf hyperaride Bedingungen angewiesen ist.

Vorkommen in Marokko

In Marokko umfassen die Gebiete südlich des Atlas- und des Anti-Atlas-Gebirges dessen Territorium. Er bevorzugt Zonen mit weniger als 100 mm Jahresniederschlag. Die Verbreitung reicht von den großen Sandmeeren des Erg Chebbi und Erg Chegaga im Südosten bis hin zu den Küstendünen der Westsahara bei Tarfaya und Dakhla.

Unterschlüpfe unter dem Sand

Die wichtigste Voraussetzung ist ein weicher, tiefer Sandboden, der das Graben weitläufiger Baue ermöglicht. Der Fennek lebt in sozialen Gruppen in unterirdischen Tunnelsystemen, die eine Fläche von bis zu 120 Quadratmetern umfassen können. Diese Baue liegen oft ein bis zehn Meter tief und verfügen über bis zu 15 Eingänge. In Gebieten mit festerem Sand verbinden sich die Tunnel benachbarter Familien gelegentlich zu regelrechten Kolonien.

Die Bauten dienen als Schutz vor extremen Temperaturschwankungen. Während die Atemfrequenz des Fenneks bei Hitze über 35 °C auf bis zu 690 Züge pro Minute hochschnellt, bietet die Tiefe des Baus ein stabiles Klima. Auch in der kalten Wüstennacht bleibt die im Inneren gespeicherte Wärme überlebenswichtig.

Gefährdung

In der Nahrungskette der Sahara stehen Hyänen, Schakale und der Milchuhu dem Fennek als natürliche Fressfeinde gegenüber. Dennoch ist der Mensch die weitaus größere Gefahr. In Marokko wird der kleine Fuchs primär für den kommerziellen Markt gejagt. Das betrifft einerseits den Pelzhandel, vor allem aber den illegalen Wildtierhandel für den Tourismus. Auf Märkten wie in Marrakesch werden gefangene Tiere oft ahnungslosen Reisenden als exotische Haustiere oder für Fotostopps angeboten. Historisch war der Fennek in Berberkulturen als Nahrungsquelle und als Felllieferant bekannt. Heute gefährdet dieser „Pet-Trade“ lokale Populationen massiv.

Offiziell stuft die IUCN den Fennek als „nicht gefährdet“ (Least Concern) ein, allerdings liegen für Marokko keine präzisen Bestandszahlen vor. Obwohl die Art national geschützt ist und Erhaltungsmaßnahmen auch in Nachbarländern wie Algerien oder Tunesien greifen, bleiben der Fangdruck durch den Menschen und der Habitatverlust durch die fortschreitende Siedlungsausbreitung bestehen. 

Autorenbild Schmidt

Joachim Schmidt ist Journalist und Kommunikationswissenschaftler. Seit 2000 ist er jedes Jahr in Marokko unterwegs, zunächst als Backpacker, später als Reisejournalist und heute am liebsten mit der Familie. Dabei verbindet er sein gesammeltes Hintergrundwissen mit großer Leidenschaft für die marokkanische Kultur und Küche. Seinen Tag beginnt er am liebsten mit einem Espresso in einem kleinen Straßencafe in der Medina.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert