Der Mittlere Atlas

Südlich der geschichtsträchtigen Königsstädte Fès und Meknès beginnt eine Landschaft, die sich vom gängigen Marokko-Bild unterscheidet. Denn der Mittlere Atlas ist die wasserreiche, grüne Lunge Marokkos, die mit ihren dichten Wäldern, sanften Hochebenen und kühlen Seen eine beinahe alpine Ruhe ausstrahlt.

Wer die Hitze von Fès oder Meknès hinter sich lässt und in die Höhenzüge des Mittleren Atlas vordringt, merkt schnell eine deutliche Veränderung. Statt staubiger Ebenen findet man hier dichte Wälder aus jahrhundertealten Atlas-Zedern, unterbrochen von weiten Hochplateaus und tiefblauen Karstseen. Der Mittlere Atlas ist eine kontrastreiche Region, in der alpine Architektur auf Berbertraditionen trifft und erloschene Vulkane heute Wanderer und Wintersportler anziehen. Abseits der klassischen Touristenpfade bietet das Gebirge eine Stille und Unverfälschtheit, die man in den trubeligen Metropolen des Nordens häufig vergeblich sucht.

Fakten zum Mittleren Atlas

Geografie und Lage

Der Mittlere Atlas bildet das geografische Rückgrat Zentralmarokkos und trennt die fruchtbaren Küstenebenen im Westen von den trockenen Steppenregionen im Osten. Das Gebirge erstreckt sich über rund 350 Kilometer von Südwesten nach Nordosten und schließt im Süden direkt an den Hohen Atlas an. Im Gegensatz zu dessen schroffen, alpinen Gipfeln ist der Mittlere Atlas allerdings eher von weiten Hochplateaus und sanfteren Bergkuppen aus Kalkstein geprägt.

Geografisch gliedert sich der Mittlere Atlas in zwei Teile. Der westliche Teil ist wasserreich und stark bewaldet. Dahingegen wird es im Osten deutlich trockener. Die durchschnittliche Höhe liegt zwischen 1.000 und 2.000 Metern, wobei der Djebel Bou Naceur (3.356 m) den höchsten Punkt bildet. Sehr besonders sind die zahlreichen Karstseen (Aguelmames) und der erloschene Vulkankegel, die man in der Umgebung der Stadt Ifrane findet. Da im Mittleren Atlas die wichtigsten Flüsse des Landes, wie der Oum er-Rbia, ihren Ursprung haben, wird das Gebirge auch als der „Wasserturm Marokkos“ bezeichnet.

Flora und Fauna

Aufgrund der hohen Niederschlagsmengen und der feuchten Hochplateaus unterscheidet sich die Vegetation im Mittleren Atlas deutlich von der in den kargen südlicheren Gebirgszügen. Die Region umfasst die größten zusammenhängenden Atlas-Zedernwälder Nordafrikas. Diese Bäume, die oft hunderte Jahre alt sind und enorme Stammumfänge erreichen, wachsen bevorzugt in kühlen Höhenlagen zwischen 1.500 und 2.500 Metern. In den tieferen Lagen mischen sich darunter Steineichen, Seekiefern und Wacholder. Dagegen findet man in den feuchten Senken weite Grasflächen sowie Schilfgürtel an den Seen.

Besonders bekannt ist die Region für die Berberaffen (Magots), die in den Zedernwäldern rund um Azrou leben und die man dort oft aus nächster Nähe in den Baumkronen beobachten kann. Neben diesen Primaten beheimatet das Gebirge Wildschweine, Füchse und vereinzelt Ginsterkatzen. Die abgeschiedenen Täler bieten zudem Lebensraum für seltene Greifvögel wie Steinadler und Lämmergeier. Zugvögel auf ihrem Weg zwischen Europa und Afrika nutzen die zahlreichen Seen der Region als wichtige Rastplätze.

Highlights im Mittleren Atlas

Azrou und die Zedernwälder

Azrou liegt an einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt und ist der zentrale Zugang zu den größten zusammenhängenden Zedernwäldern Nordafrikas. Die Stadt selbst ist für ihr Kunsthandwerk und ihren Wochenmarkt bekannt, doch die Hauptattraktion liegt in den umliegenden Höhenlagen. Dort wachsen Atlas-Zedern, die teilweise über 800 Jahre alt sind. In den Waldstücken entlang der Straße nach Ifrane leben große Gruppen von Berberaffen, die an Menschen gewöhnt sind und sich oft direkt am Fahrbahnrand beobachten lassen.

Ifrane: Die alpine Ausnahme

Ifrane wurde während der französischen Protektoratszeit als „Station d’estivage“ (Sommerfrische) auf 1.650 Metern Höhe entworfen. Das Stadtbild mit seinen spitzen Satteldächern, gepflegten Parkanlagen und breiten Alleen erinnert eher an ein Dorf in den Alpen als an eine nordafrikanische Stadt. Im Sommer nutzen Marokkaner das milde Klima, um der Hitze tiefergelegener Städte zu entkommen. Im Winter ist der Ort dagegen ein Ziel für den marokkanischen Wintersport. Zudem beherbergt Ifrane die renommierte Al-Akhawayn-Universität.

Mischliffen: Wandern am Vulkankrater

Unweit von Ifrane liegt der Mischliffen, ein erloschener Vulkankegel, der heute als eines der wenigen Skigebiete Marokkos dient. Die Infrastruktur ist einfach, doch die landschaftliche Kulisse des Kraters ist außergewöhnlich. In der schneefreien Zeit wandert man hier über erstarrte Lavaströme und vulkanisches Gestein, die von dichten Zedernwäldern umschlossen sind. Die Region zeigt deutlich den vulkanischen Ursprung dieses Teils des Mittleren Atlas und bietet weite Ausblicke über die Hochebenen der Umgebung.

Quellen des Oum er-Rbia

Nahe der Stadt Khenifra entspringen an einer Felswand rund 40 Quellen, die den Oum er-Rbia speisen, einen der längsten und wichtigsten Flüsse Marokkos. Das Wasser stürzt über Kaskaden in ein tief eingeschnittenes Tal. Besonders im Frühjahr, wenn die Schneeschmelze die Wassermassen anschwellen lässt, ist die Wucht der Quellen beeindruckend.

Aguelmame Azigza: Der grüne See

Der Aguelmame Azigza ist ein natürlicher Karstsee in den dichten Zedern- und Eichenwäldern des Nationalparks von Khenifra. Sein Name bedeutet im Berberischen „Grüner See“, was auf die Spiegelung der umliegenden Vegetation im klaren Wasser anspielt. Da der See abseits der Hauptverkehrsrouten liegt und es kaum touristische Infrastruktur gibt, ist er ein Ziel für Individualreisende. Die Umgebung ist weitgehend unverbaut und bietet Wanderwege durch zerklüftete Kalksteinformationen, in denen man oft auf Hirten mit ihren Herden trifft.

Sefrou: Gartenstadt am Nordrand des Mittleren Atlas

Sefrou liegt am Übergang vom Mittleren Atlas zur Sais-Ebene rund um Fès. Die Stadt blickt auf eine lange jüdische Geschichte zurück, die in der gut erhaltenen Mellah der Medina noch heute sichtbar ist. Darüber hinaus ist Sefrou vor allem für den Kirschanbau bekannt. Das jährliche Kirschfest gehört sogar zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe. Ein kurzer Spaziergang führt von der Stadtmauer zu einem kleinen Wasserfall des Oued Aggai, der in einer üppig grünen Schlucht liegt und seit Generationen ein beliebtes Ausflugsziel ist.

Bahlil: Leben im Kalkstein

Das Dorf Bahlil ist berühmt für seine jahrhundertealten Höhlenwohnungen, die direkt in die weichen Kalksteinfelsen gehauen wurden. Viele Familien nutzen diese Felshöhlen noch heute als Erweiterung ihrer Häuser, da sie im Sommer natürliche Kühle und im Winter Wärme speichern. Die Häuserfassaden im Dorf sind oft in leuchtenden Farben gestrichen und die Gassen sind so eng, dass sie nur zu Fuß oder mit Maultieren passierbar sind. Ein Besuch bietet Einblicke in eine architektonische Tradition, die im modernen Marokko selten geworden ist.

Djebel Bou Naceur: Der höchste Gipfel des Mittleren Atlas

Mit 3.356 m Höhe ist der Djebel Bou Naceur die höchste Erhebung des Gebirges. Der Aufstieg ist technisch nicht schwierig, erfordert jedoch aufgrund der Höhe und des Schotteruntergrunds eine gute Kondition. Vom Gipfel aus bietet sich ein Panorama über die weiten Kalksteinplateaus des Mittleren Atlas. Bei guter Sicht reicht der Blick im Süden bis zu den schneebedeckten Viertausendern des Hohen Atlas und im Norden weit in Richtung der Sais-Ebene. Für Bergwanderer ist der Djebel Bou Naceur daher die lohnendste Herausforderung der Region.

Autorenbild Schmidt

Joachim Schmidt ist Journalist und Kommunikationswissenschaftler. Seit 2000 ist er jedes Jahr in Marokko unterwegs, zunächst als Backpacker, später als Reisejournalist und heute am liebsten mit der Familie. Dabei verbindet er sein gesammeltes Hintergrundwissen mit großer Leidenschaft für die marokkanische Kultur und Küche. Seinen Tag beginnt er am liebsten mit einem Espresso in einem kleinen Straßencafe in der Medina.

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