Fünf berühmte Marokkanerinnen, die du kennen solltest
Wenn man an die Menschen in Marokko denkt, kommen einem oft zuerst Sultane, Wesire oder Paschas in den Sinn. Oder Männer mit blauen Turbanen, die ihre Kamelkarawanen würdevoll durch die endlosen Sanddünen der Sahara führen. Sicher, das sind die Männer Marokkos. Aber was ist mit den Frauen? Wo stecken die Heldinnen, die berühmten Frauen des Landes?
In vielen Bereichen, von der Wissenschaft über die Literatur bis hin zum Sport, haben Marokkanerinnen Pionierarbeit geleistet. In diesem Artikel erfährst du mehr über einige dieser beeindruckenden Frauen und ihre Erfolge. Aber lass dich nicht täuschen: Diese Liste ist längst nicht vollständig.
Fatima al-Fihri
Fatima al-Fihri legte im 9. Jahrhundert den Grundstein für eine Institution, die heute weltweit als Vorbild für moderne Universitäten gilt. Ursprünglich aus dem heutigen Tunesien stammend, zog sie mit ihrer Familie nach Fès. Ihr Vater brachte es als Kaufmann zu großem Reichtum und hinterließ ihr und ihrer Schwester Mariam ein beachtliches Vermögen. Beide Schwestern nutzten ihr Erbe, um Moscheen zu errichten. Doch Fatima ging noch einen Schritt weiter. Sie gliederte ihrer Moschee eine Madrasa (Koranschule) an, die im Jahr 859 n. Chr. als al-Qarawiyyīn-Universität bekannt wurde.
Diese Universität gilt als die älteste der Welt. Das Beeindruckende daran? Sie ist bis heute in Betrieb und seit über tausend Jahren werden hier Fächer wie Islamwissenschaften, Mathematik und Medizin gelehrt.

Zur Universität gehört zudem die wohl älteste Bibliothek der Welt, die erst kürzlich aufwendig renoviert wurde. Zu den Schätzen der Qarawiyyīn-Bibliothek zählen Koranhandschriften aus dem 9. Jahrhundert sowie die älteste Hadithen-Sammlung. An Fatimas Universität studierten unter anderem der Entdecker und Autor Leo Africanus sowie der bedeutende Historiker Ibn Chaldūn.
Es wird erzählt, dass Fatima während der gesamten 18-jährigen Bauzeit der Moschee fastete. Als sie starb, war ihr Lebenswerk bereits seit Jahren fester Bestandteil der Stadt. Sie wird bis heute auch liebevoll als „Umm al-Banayn“ (Mutter der Kinder) verehrt, da sie Bildung für kommende Generationen zugänglich machte.
Fatima Mernissi
Fatima Mernissi (1940–2015) war eine der führenden Akademikerinnen, Feministinnen und Aktivistinnen der arabischen Welt. An Universitäten rund um den Globus gehören ihre Texte zum Standardrepertoire, allen voran das bemerkenswert zugängliche Werk „Beyond the Veil“ (Hinter dem Schleier). Wer sich mit der Rolle der Frau im Islam und in Marokko auseinandersetzt, kommt nicht an diesem Buch vorbei. Obwohl ihre Forschung bereits Jahrzehnte zurückliegt, haben sich die thematisierten Probleme über die Jahre kaum verändert. Wenn überhaupt, sind sie heute sogar noch deutlicher spürbar.
Ihr bekanntestes und zugleich kontroversestes Buch ist „Der politische Harem: Mohammed und die Frauen“ (The Veil and the Male Elite). Darin setzt sie sich historisch-kritisch mit den Ehefrauen des Propheten Mohammed auseinander. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wurde das Buch in vielen Ländern, auch in Marokko, verboten und steht in konservativeren islamischen Staaten wie Saudi-Arabien bis heute auf dem Index. Mit diesem im Jahr 1987 erschienenen Werk festigte Fatima Mernissi ihren Ruf als eine der bedeutendsten islamischen Feministinnen ihrer Generation. Zeit ihres Lebens setzte sie sich dafür ein, dass Frauen ihre Rechte innerhalb des religiösen und gesellschaftlichen Rahmens einfordern können.
Aïcha Chenna
Aïcha Chenna (1941–2022) widmete ihr Leben denjenigen, die am Rande der marokkanischen Gesellschaft standen. Ihr leiblicher Vater verstarb früh. Kurzerhand schickte ihre Mutter Aïcha zu einer Tante nach Casablanca. Dort beendete sie ihre schulische Ausbildung und entschied sich, ermutigt von ihrer Mutter und ihren Freunden, für den Pflegeberuf.

Später arbeitete sie im Gesundheitsministerium, wo sie sich unermüdlich für die Aufklärung der Bevölkerung sowie für ein stärkeres Bewusstsein für Gesundheitsthemen und Hygiene einsetzte.
Ihren eigentlichen Durchbruch (und auch eine gewisse Form von Berüchtigtsein in konservativen Kreisen) verdankt sie jedoch ihrer Arbeit in den 1980er-Jahren, als sie die Association Solidarité Féminine gründete. Diese NGO war die erste ihrer Art in Marokko. Sie unterstützte alleinstehende Mütter, beriet sie in Gesundheitsfragen und zur Familienplanung und stand Opfern von Gewalt zur Seite. Bis heute stößt diese Organisation in den patriarchalisch geprägten und konservativen Ecken des Landes auf Widerstand.
Für ihren Einsatz und ihre Standhaftigkeit wurde Aïcha unter anderem mit dem renommierten Opus Award ausgezeichnet, einem Preis für die „stillen Helden“, die sich drängenden sozialen Problemen widmen. Ihr Buch „Miseria: Testimonies“ dokumentiert die Schicksale von Frauen, die sie über die Jahre hinweg begleitet hat. Das Werk erschien ursprünglich auf Französisch. Eine englische (oder deutsche) Übersetzung lässt leider noch auf sich warten.
Nawal El Moutawakel
In der arabischen Welt ist Sport weitgehend Männersache. Kraft- und Ausdauersport sowie Wettkämpfe, die Agilität und Schnelligkeit erfordern, gelten traditionell häufig als unpassend für Frauen. Man muss bedenken, dass in konservativen Gesellschaften der Platz der Frau primär im Haus bei den Kindern gesehen wird, vielleicht noch auf dem Feld. Aber definitiv in der Küche. Umso größer war die Überraschung für viele Araber, als die erste Person, die jemals eine olympische Goldmedaille für Marokko gewann, kein Mann war, sondern eine Frau.
Nawal El Moutawakel (geb.1962) sorgte 1984 für eine Zäsur im internationalen Sport. Bei den Olympischen Spielen in Los Angeles gewann sie die Goldmedaille über 400 Meter Hürden. Damit war sie die erste Frau aus einem muslimischen Land, die jemals olympisches Gold holte. Zu dieser Zeit studierte sie an der Iowa State University. Ihr Sieg versetzte die Welt in Erstaunen, auch in Nordafrika und im Nahen Osten.

Heute ist Nawal nach wie vor eine Pionierin für Mädchen und Frauen in einem muslimischen und arabischen Kontext, in dem traditionelle Stereotypen über die Rolle der Frau noch immer präsent sind. Im Jahr 1983 rief sie in Casablanca den ersten „Fun Run“ über fünf Kilometer ins Leben. Heute nehmen jährlich über 30.000 Frauen am größten reinen Frauenrennen der muslimischen Welt teil.
Als Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees vertritt Nawal Marokko weiterhin als starke Stimme auf der Weltbühne des Spitzensports.
Leila Slimani
Vielleicht ist ihr Name auf dieser Liste ein wenig umstritten, da sie die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt (sie ist sowohl Französin als auch Marokkanerin), doch Leila Slimani ist eine absolute Ausnahmestimme. Geboren wurde sie 1981 in Rabat. Nach ihrer Schulzeit zog sie nach Paris, schloss dort ihr Studium ab und arbeitete zunächst als Journalistin. Während sie 2011 über den Arabischen Frühling berichtete, reifte in ihr der Entschluss, Romane zu schreiben.
Ihr internationaler Durchbruch gelang ihr mit ihrem Roman „Dann schlaf auch du“ (Originaltitel: Chanson douce). Die Geschichte dreht sich um den Doppelmord an zwei Kindern durch ihr Kindermädchen und ist eine ebenso spannende wie präzise Sezierung des modernen Pariser Bildungsbürgertums. Für dieses Werk erhielt sie 2016 unter anderem den Prix Goncourt, den bedeutendsten Literaturpreis Frankreichs.

Neben ihren Romanen veröffentlichte sie mit „Sex und Lügen“ eine Sammlung persönlicher Geschichten marokkanischer Frauen, die über Intimität, Gefühle und Zerissenheit sprechen. Leila agiert heute zudem als persönliche Vertreterin des Präsidenten Emmanuel Macron bei der Internationalen Organisation der Frankophonie. Diese Organisation vertritt Marokko und 88 weitere Mitgliedstaaten, in denen die französische Sprache und Kultur eine zentrale Rolle spielen.



