Das UNESCO-Welterbe in Marokko und seine Stätten
Die Welterbeliste der UNESCO dient dazu, Orte zu dokumentieren und rechtlich zu schützen, deren historische oder wissenschaftliche Relevanz über nationale Grenzen hinausreicht. In Marokko gibt es derzeit neun solcher Stätten, die den sogenannten außergewöhnlichen universellen Wert besitzen. Dieser Titel ist eine völkerrechtliche Verpflichtung, die Bausubstanz und kulturelle Identität eines Ortes zu erhalten.
Um in das Register aufgenommen zu werden, durchläuft eine Stätte ein mehrstufiges Prüfverfahren durch das Welterbekomitee. Ein zentrales Kriterium ist dabei oft der Nachweis dafür, dass ein Ort als Beispiel für eine bestimmte architektonische Epoche oder eine bestimmte menschliche Siedlungsform gilt. Dabei spielt die Unversehrtheit der Strukturen ebenso eine große Rolle wie deren Glaubwürdigkeit. Es geht also weniger um eine künstliche Rekonstruktion als vielmehr um den Erhalt originaler Bestände, die Aufschluss über gesellschaftliche Entwicklungen oder technologische Fortschritte geben.
Die Organisation unterscheidet formal zwischen dem kulturellen und dem natürlichen Erbe, wobei die Übergänge oft fließend sind. Während das Kulturerbe primär Bauwerke, Ruinen oder urbane Ensembles umfasst, bezeichnet das Naturerbe ökologische Prozesse und geologische Formationen. Marokkos bisherige Eintragungen konzentrieren sich stark auf den kulturellen Bereich, insbesondere auf die historischen Stadtkerne und Befestigungsanlagen, die den Austausch zwischen verschiedenen Zivilisationen über Jahrhunderte hinweg dokumentieren. In seltenen Fällen erfüllen Orte die Voraussetzungen für beide Kategorien und werden als gemischte Stätten geführt, um sowohl die menschliche Geschichte als auch die biologische Vielfalt des Raumes zu schützen.
Inhalt
Die neun Weltkulturerbestätten in Marokko
Seit 1981 hat die UNESCO neun Stätten in Marokko in das Welterbe-Register aufgenommen. Die Auswahl spiegelt die unterschiedlichen Siedlungsphasen des Landes von der antiken römischen Präsenz bis hin zur Architektur der Moderne wider.
Den Anfang machte dabei die Medina von Fès, die bereits 1981 als herausragendes Beispiel einer mittelalterlichen Stadtstruktur anerkannt wurde. Nur wenige Jahre später, 1985, folgte die Medina von Marrakesch, die neben dem historischen Kern auch die großflächigen Agdal- und Menaragärten umfasst. Mit dem Ksar Aït-Ben-Haddou kam 1987 ein wichtiges Beispiel der Lehmbauarchitektur des Südens hinzu.
In den 1990er-Jahren erweiterte sich das Spektrum um die Medina von Meknès und die antiken Ausgrabungen von Volubilis, die den Einfluss des Römischen Reiches in Nordafrika zeigen. Zeitgleich erhielt die Medina von Tétouan aufgrund ihrer engen Verbindung zur andalusischen Kultur den Welterbe-Status. Die marokkanische Hafenstadt Essaouira sowie die ehemals portugiesische Festungsstadt El Jadida verdeutlichen den Austausch zwischen europäischer Militärarchitektur und nordafrikanischem Städtebau. Als jüngste Eintragung kam 2012 die Hauptstadt Rabat hinzu, die die Brücke zwischen historischem Erbe und Moderne schlägt.
- Die Medina von Fès (1981)
- Die Medina von Marrakesch mit Agdal-Gärten und Menaragärten (1985)
- Die befestigte Stadt Aït-Ben Haddou (1987)
- Die Medina von Meknès (1996)
- Die Ausgrabungsstätte Volubilis (1997)
- Die Medina von Tétouan (1997)
- Die Medina von Essaouira (2001)
- Die früher portugiesische Stadt El Jadida (2004)
- Die Hauptstadt Rabat (2012)
Die Medina von Fès (1981)
Fès wurde im 9. Jahrhundert gegründet und beherbergt eine der größten mittelalterlichen Altstädte der Welt. Das Viertel ist fast vollständig im Originalzustand verblieben und teilt sich in klar voneinander abgegrenzte Wohn- und Handwerksviertel auf, die durch schmale Gassen verbunden sind. Innerhalb der Stadtmauer stehen zahlreiche Moscheen, Paläste und Koranschulen, an denen sich die Entwicklung der regionalen Baukunst über Jahrhunderte hinweg ablesen lässt.
Prägend für den Alltag ist der direkte Bezug zwischen Handwerk und Wohnraum. In den Vierteln der Gerber, Weber und Kupferschmiede setzen Betriebe bis heute auf Techniken, die seit der Stadtgründung das wirtschaftliche Rückgrat bilden. In der Medina befindet sich zudem die Al-Qarawiyyin-Moschee. Die dortige Bildungseinrichtung gilt als eine der ältesten und ununterbrochen betriebenen Institutionen weltweit.

Die Medina von Marrakesch (1985)
Marrakesch wurde im 11. Jahrhundert von den Almoraviden gegründet und gilt als Prototyp einer mittelalterlichen Stadt im Maghreb. Weithin sichtbar ist das 77 Meter hohe Minarett der Koutoubia-Moschee, das über Jahrhunderte als Vorbild für Sakralbauten in der gesamten Region diente. Zum geschützten Bereich gehören zudem der Bahia-Palast, die Saadier-Gräber und die Ruinen des El-Badi-Palastes, an denen sich verschiedene Epochen der marokkanischen Baukunst nachvollziehen lassen.
Das Herz der Altstadt ist der Platz Djemaa el-Fna. Er wird bis heute als Ort für Erzähler, Musiker und Schausteller genutzt, weshalb die UNESCO ihn zusätzlich in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufnahm. In den angrenzenden Vierteln sind die Werkstätten und Läden noch immer nach Branchen sortiert, wie es in historischen islamischen Städten üblich war. Zum Welterbe zählen außerdem die Agdal- und Menaragärten. Ihre alten Kanalsysteme zeigen, mit welchem Aufwand die Wasserversorgung in dieser trockenen Ebene seit dem Mittelalter organisiert wurde.

Das Ksar Aït-Ben-Haddou (1987)
Aït-Ben-Haddou ist eine befestigte Siedlung in der Provinz Ouarzazate am Fuß des Hohen Atlas. Die Anlage besteht aus mehreren Wohneinheiten, die von einer gemeinsamen Mauer mit Ecktürmen umschlossen sind. Sie veranschaulicht die traditionelle Bauweise der Region am Rand der Sahara, bei der ausschließlich Stampflehm und luftgetrocknete Ziegel verbaut wurden.
Zum Dorf gehören neben den privaten Wohnburgen (Kasbahs) auch eine Moschee, ein Getreidespeicher auf der Hügelkuppe sowie ein Platz für Karawanen. Da die Lehmbauten außergewöhnlich gut erhalten sind, nutzen internationale Filmproduktionen den Ort häufig als Kulisse. Der Schutz durch die UNESCO ist hier besonders wichtig, da der Lehm durch Wind und Regen schnell erodiert und die Gebäude ohne ständige Pflege verfallen würden.

Die Medina von Meknès (1996)
Meknès entstand im 11. Jahrhundert als Militärstützpunkt. Erst im 17. Jahrhundert baute Sultan Moulay Ismaïl den Ort zur Hauptstadt des Alawiden-Reiches aus. Aus dieser Zeit stammt die 25 Kilometer lange Stadtmauer mit ihren massiven Toren wie dem Bab Mansour. In das Stadtgebiet wurden damals riesige Getreidespeicher, Stallungen und Kasernen eingegliedert, die noch heute das Bild prägen.
Die Architektur verbindet islamisch-maghrebinische Traditionen mit der europäischen Militärbaukunst des 17. Jahrhunderts. In den gut erhaltenen Befestigungswerken, Palästen und Moscheen lässt sich die einstige Rolle als kaiserlicher Herrschaftssitz unmittelbar erkennen. Die UNESCO schützt Meknès als seltenes Beispiel einer geplanten Residenzstadt, in der traditionelle Wohnviertel und großflächige kaiserliche Bauten vereint wurden.

Die Ausgrabungsstätte Volubilis (1997)
Die Ruinen von Volubilis waren einst der südlichste Außenposten des Römischen Reiches in Nordafrika. Die Stadt nahe Moulay Idriss war vom 3. Jahrhundert v. Chr. bis in die frühislamische Zeit durchgehend besiedelt. Als Zentrum der Provinz Mauretania Tingitana verfügte sie über eine aufwendige Ausstattung mit öffentlichen Gebäuden, von denen das Kapitol, die Basilika und der Triumphbogen des Caracalla erhalten sind.
In Volubilis trafen römische Bauweisen auf die Traditionen der einheimischen Mauretanier. In den freigelegten Villen finden sich zahlreiche Bodenmosaike, die zeigen, wie die Menschen damals lebten und welche Motive ihre Kunst prägten. Dass die Ruinen heute so gut erhalten sind, liegt vor allem daran, dass die Stadt nach ihrem Ende nie wieder überbaut wurde. So blieb der ursprüngliche Stadtplan mit seinen Fundamenten und Mauern fast vollständig unter freiem Himmel bewahrt.

Die Medina von Tétouan (1997)
Tétouan liegt im Norden Marokkos nahe der Mittelmeerküste und wurde im späten 15. Jahrhundert auf älteren Ruinen neu aufgebaut. Die Stadt entstand als Zufluchtsort für Menschen, die nach der Reconquista aus Andalusien vertrieben wurden. In der Architektur finden sich deshalb andalusische Stilelemente neben lokalen maghrebinischen Bauweisen.
Eine fünf Kilometer lange Mauer mit sieben Toren umschließt die Altstadt. Da Tétouan im Vergleich zu den großen Handelsmetropolen kaum baulich verändert wurde, blieb das ursprüngliche Bild erhalten. Das Viertel besteht aus Handwerksbetrieben, Wohnhäusern und Moscheen, die den kulturellen Einfluss der Iberischen Halbinsel in Nordafrika bis heute sichtbar machen. Die UNESCO schützt die Medina als eines der vollständigsten Ensembles dieser Architekturform.

Die Medina von Essaouira (2001)
Sultan Sidi Mohammed ben Abdallah ließ die Hafenstadt Essaouira – damals noch Mogador – im 18. Jahrhundert nach Plänen des französischen Architekten Théodore Cornut neu bauen. Der Entwurf übertrug die europäische Festungsbaukunst auf eine nordafrikanische Stadt. So entstand ein für marokkanische Verhältnisse untypisches Netz aus geraden Straßen und breiten Hauptachsen.
Die Stadtmauern und Kanonenbastionen, wie die Skala de la Ville, orientieren sich am Vorbild des französischen Saint-Malo. Mit dem Bau verfolgte der Sultan das Ziel, Marokko für den Überseehandel zu öffnen und einen Knotenpunkt zwischen Europa und Afrika zu schaffen. Den Welterbe-Status erhielt die Stadt, weil sich hier westlicher Städtebau und marokkanisches Handwerk in den Fassaden und Toren der Altstadt vereinen.

Die befestigte Stadt El Jadida (2004)
Die Portugiesen gründeten die Hafenstadt Mazagan, das heutige El Jadida, im frühen 16. Jahrhundert als Stützpunkt auf dem Seeweg nach Indien. Die Anlage gilt als eines der ersten Bauwerke, in denen die Ideale der Renaissance im Festungsbau umgesetzt wurden. Die massiven, sternförmigen Mauern markieren den Wechsel von mittelalterlichen Stadtbefestigungen hin zu modernen Verteidigungsanlagen, die dem Beschuss durch Artillerie standhalten sollten.
Innerhalb der Festung zeigen die Bauwerke den Einfluss der europäischen Architektur in Nordafrika. Ein bekanntes Beispiel ist die portugiesische Zisterne mit ihren spätgotischen Rippengewölben, die ursprünglich als Waffenlager diente. Zur geschützten Altstadt gehört auch die Kirche Mariä Himmelfahrt. Die UNESCO führt El Jadida als Welterbe, weil die Stadt die Begegnung zwischen europäischer Renaissance und marokkanischer Kultur in ihrer Bauweise und Raumaufteilung anschaulich bewahrt hat.

Rabat, moderne Hauptstadt und historische Stadt (2012)
Die UNESCO schützt in Rabat die Mischung aus alten Stadtvierteln und der modernen Planung des frühen 20. Jahrhunderts. Das Welterbe-Areal reicht von der Kasbah des Oudaïas auf den Klippen über dem Atlantik und der alten Medina bis zur „Ville Nouvelle“, die unter französischem Protektorat entstand.
Rabat wurde als Hauptstadt geplant. Dabei wurden moderne Elemente wie breite Alleen, große Plätze und Parkanlagen in das bestehende Stadtbild integriert. Markante Bauwerke sind der Hassan-Turm und das Mausoleum von Mohammed V.

Highlights der UNESCO-Vorschlagsliste Marokkos
Neben den bereits anerkannten Stätten bemüht sich Marokko um die Aufnahme weiterer Orte auf die sogenannte Tentativliste der UNESCO, einer Vorschlagsliste für zukünftige Nominierungen.
- Moulay Idriss Zerhoun: Die Stadt wurde im 8. Jahrhundert von Idris I., dem Begründer der Idrisiden-Dynastie, als erste islamische Hauptstadt Marokkos gegründet. Sie gilt als bedeutende Pilgerstätte und markiert den Beginn der Islamisierung der Region.
- Casablanca: Die Stadtplanung der 1920er bis 1950er Jahre verbindet architektonisch europäische Moderne und Art déco mit marokkanischen Dekorelementen und gilt als Labor für urbanes Bauen im 20. Jahrhundert.
- Die Moschee von Tinmel: Das im 12. Jahrhundert im Hohen Atlas errichtete Bauwerk war das geistige Zentrum der Almohaden-Dynastie. Die Architektur diente als direktes Vorbild für die Koutoubia-Moschee in Marrakesch und die Giralda in Sevilla.
- Die antike Stätte Lixus: Diese Ruinenstadt an der Atlantikküste ist phönizischen Ursprungs und wurde später zu einer wichtigen römischen Industriesiedlung, insbesondere für die Herstellung von Fischsauce (Garum) und den Salzhandel.
- Oase Figuig: Diese Kulturlandschaft zeigt ein jahrhundertealtes Bewirtschaftungssystem. Die Wasserverteilung über unterirdische Kanäle und die Architektur der Ksours sind an die extremen Bedingungen am Wüstenrand angepasst.
- Nationalpark Talassemtane: Im Rif-Gebirge schützt dieses Gebiet die letzten Bestände der marokkanischen Tanne.
Dies sind weitere Vorschläge für die Kandidatenliste des Welterbes in Marokko.
- Die Oasenkette von Tighmert in der Prä-Sahara-Region von Wad Noun
- Taza und die große Moschee
- Die Grabstätte El Gour
- Die Grotte von Taforalt
- Das Gebiet des Ajgal-Drachenbaums
- Die Lagune Khnifiss
- Der Nationalpark Dakhla