Der Djemaa el-Fna
Wer nach Marrakesch reist, um den Orient zu erleben, wird auf dem Djemaa el Fna fündig. Zwischen Gauklern, Geschichtenerzählern und Schlangenbeschwörern auf dem „Platz der Geköpften“ scheinen die Märchen aus tausendundeiner Nacht zum Leben zu erwachen.
Seit 2001 zählt der Djemaa el Fna als lebendiges Kulturerbe zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO. Er ist das pulsierende Zentrum der Medina von Marrakesch und lebt von seiner beeindruckenden Dualität. Tagsüber ist er Bühne für Schlangenbeschwörer, Musiker und Akrobaten, deren Darbietungen von Trommeln, Flöten und begeistertem Applaus begleitet werden. Mit dem Einbruch der Dämmerung wandelt sich der Platz in ein riesiges Freiluftrestaurant mit Dutzenden Garküchen und dem Duft von gegrilltem Fleisch, Harira und Gewürzen.
Inhalt
Die Geschichte des „Platzes der Geköpften“
Der Djemaa el Fna verdankt seinen legendären und düsteren Beinamen „Platz der Geköpften“ einer grausamen Vergangenheit: Unter der Herrschaft der Almohaden im 12. Jahrhundert diente er als öffentliche Hinrichtungsstätte, wo die Köpfe der Exekutierten zur Schau gestellt wurden.
Im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich die Funktion des Djemaa el Fna grundlegend. Aus dem Ort des Schreckens wurde ein zentrales Handelszentrum und ein lebendiger Treffpunkt voller Händler, Reisender und Bürger der Stadt. Die Modernisierung in den frühen 1990er Jahren festigte seinen Wandel zur bunten Bühne des öffentlichen Lebens. Bis heute ist es die einzigartige Mischung aus Handel und traditionellen Attraktionen, die das immaterielle Weltkulturerbe der UNESCO so schützenswert macht.

Die Bedeutung des Namens Djemaa el Fna
Obwohl der Platz durch seine Vergangenheit als Hinrichtungsstätte bekannt wurde, ist der Name des Djemaa el Fna tatsächlich vielschichtiger.
Der arabische Ursprung جامع الفناء (ǧāmiʿ al-fanāʾ) wird wörtlich als „Versammlung des Verschwindens“ oder der „Vergänglichkeit“ gelesen. Die gängigsten Übersetzungen sind daher „Versammlung der Toten“ oder „Platz der Vergänglichkeit“.
Die Deutung als „Hinrichtungsplatz“ ist dabei eher sekundär aus der Funktion des Platzes unter der Almohaden-Herrschaft erwachsen. Unabhängig von der genauen Übersetzung ist die Angst von einst längst der Magie gewichen. Heute steht der Name sinnbildlich für den Ort, an dem die Sorgen des Alltags (zumindest vorübergehend) verschwinden.
Modernisierungsarbeiten der letzten Jahre
Der Djemaa el Fna hat in den letzten Jahren erhebliche Modernisierungen erfahren, die seine Funktion und Ästhetik verbessern sollten. Nachdem der Platz bereits in den frühen 1990er Jahren asphaltiert worden war, um die Hygiene und die Abwicklung des Verkehrs zu optimieren, konzentrierten sich spätere Arbeiten auf die Infrastruktur.
Seit etwa 2016 wurden die Wasser- und Stromversorgung für die Garküchen und mobilen Stände grundlegend modernisiert, um die Lebensmittelsicherheit zu erhöhen und eine zuverlässige Basis für die Gastronomie zu schaffen. Es folgten die Installation einer energiesparenden LED-Beleuchtung zur Verbesserung der nächtlichen Sicherheit sowie die Erneuerung des Entwässerungssystems. Jüngste Initiativen ab 2020 zielen darauf ab, den historischen Steinbelag in Randbereichen wiederherzustellen. Zudem wurde der Verkehr im inneren Platzbereich stark beruhigt, um die Aufenthaltsqualität für Fußgänger zu verbessern.


Das tägliche Spektakel auf dem Djemaa el Fna
Der Djemaa el Fna ist eine lebendige Bühne, auf der jeden Abend jahrhundertealte Traditionen und mitreißendes Straßentheater aufeinandertreffen. Zwischen Rauchschwaden der Garküchen und rhythmischen Trommelklängen ziehen Gaukler, Musiker und Akrobaten die Menge in ihren Bann.

Ein Kernstück dieses Spektakels sind die Geschichtenerzähler (Ma’ruf), die uralte Legenden und Märchen lebendig halten. Die UNESCO würdigte darum 2001 nicht nur den Platz selbst, sondern ausdrücklich auch die Rolle seiner mündlichen Erzähltradition als schützenswertes immaterielles Kulturerbe.
Neben den Hauptakteuren findest du auch traditionelle Berufsgruppen wie die Wasserverkäufer, Heiler, Wahrsagerinnen sowie Zahnärzte mit glänzenden Zangen als rudimentäres Besteck. Letztere sind jedoch bestenfalls für ein Foto zu konsultieren. Die Seele des Platzes aber sind die Akrobaten, Gnaoua‑Musiker und Geschichtenerzähler in ihren traditionellen Kostümen.
Tierschausteller
Die Darbietungen von Schlangenbeschwörern und Affendompteuren sind umstritten, da die Haltung der Tiere meist nicht artgerecht ist. Bei vielen Besuchern stehen die Tierschausteller deshalb zurecht in der Kritik. Um dieses Geschäft nicht zu unterstützen, empfiehlt es sich, deren Darbietungen zu meiden, freundlich, aber bestimmt abzulehnen und Abstand zu halten.

Henna-Frauen
Am Rand des Platzes bieten Frauen filigrane Henna-Tattoos an. Sie können bei der Kundenansprache recht aggressiv vorgehen. Auch hier ist Vorsicht geboten, denn die Qualität und die Zusammensetzung der Farben können zweifelhaft sein. Für ein sicheres, professionelles Henna-Tattoo ist der Besuch eines spezialisierten Henna-Studios in Marrakesch ratsam.

Essen auf dem Djemaa el Fna
Mit dem Einbruch des späten Nachmittags beginnt die wohl berühmteste Verwandlung des Platzes: Der Djemaa el Fna wird zum größten Open-Air-Restaurant Marrakeschs. Es ist ein täglich wiederkehrendes Spektakel, wenn Dutzende Garküchen innerhalb kürzester Zeit aufgebaut werden, die ersten Rauchschwaden aus Holzkohle und der intensive Duft exotischer Gewürze über den Platz ziehen. Bereits tagsüber sind hier Stände mit frischen Säften und Trockenfrüchten geöffnet, doch das wahre kulinarische Leben beginnt erst bei Sonnenuntergang.
Die Qual der Wahl und die Kunst der Anwerbung
Bevor du dich setzt, spaziere durch die Garküchen-Gassen. Die Stände sind nummeriert und buhlen mit vollem Körpereinsatz um Gäste. Die Kellner sind Meister des Spektakels und setzen flotte Sprüche und viel Charme ein, um dich an ihren Tisch zu locken. Dieses Anwerben gehört zur Atmosphäre und macht Spaß. Bleibe höflich und respektvoll, auch wenn du ablehnst. Ein Tipp: Suche dir einen Stand, an dem du dich willkommen fühlst und dessen Atmosphäre oder Kellner dir sympathisch erscheinen.

Gerichte: Spezialitäten und Vorsicht
Auf den Tischen, die mit frischer Petersilie und Koriander sowie glänzenden Speisen üppig angerichtet sind, präsentiert sich die marokkanische Küche in ihrer Streetfood-Variante. Hier gibt es Fleischspieße (Brochettes), gegrilltes Gemüse, B’stilla, Salate und natürlich die Klassiker Tajine und Couscous. Die Speisen werden oft in kleinen Portionen angeboten, ähnlich den spanischen Tapas, was perfekt ist, um dich durch die Vielfalt zu probieren. Aber Obacht, auf dem Djemaa el Fna erwartet dich keine Haute Cuisine und schon allein aufgrund der Streetfood-Bedingungen steht hier das Erlebnis über dem Geschmack.
Drei absolute Spezialitäten solltest du jedoch probieren:
- Mechoui: Auf der nordöstlichen Seite findest du das traditionelle Gericht, bei dem ein ganzes Schaf oder Lamm über Stunden in einem Erdofen gegart wird.
- Tanjia: Das Schmorgericht aus Rind oder Lamm, bekannt als das „Essen der Junggesellen“, das in einer geschlossenen Tonamphore im Hammam- oder Bäckerofen zubereitet wird.
- Schnecken: Ein Erlebnis ist auch der Stopp bei einem der Schneckenmänner an der Ostseite. Für wenig Geld erhältst du hier eine Schale Schnecken in einem würzigen Sud – eine bleibende kulinarische Erinnerung.
Da Marrakesch nicht am Meer liegt, solltest du von gebratenem Fisch und ähnlichen Gerichten auf dem großen Platz Abstand nehmen und diesen besser in Küstenstädten wie Essaouira genießen.

Praktische Tipps zum Essen auf dem Djemaa el Fna
Bestellen und Probieren
Konzentriere dich auf die Spezialitäten und meide Tajine und Couscous, da diese in kleinen, festen Restaurants oft besser sind. Versuche stattdessen, möglichst viele unterschiedliche kleine Gerichte zu bestellen. Fladenbrot und Oliven erhältst du oft ungefragt, sobald du Platz genommen hast.
Preiskontrolle
Die Stände haben Speisekarten und Festpreise. Hier wird nicht gefeilscht. Da die Kellner schnell durcheinanderkommen, empfiehlt es sich, die Rechnung zu prüfen und darauf zu achten, dass nur die tatsächlich bestellten Gerichte abgerechnet werden.
Qualität vs. Erlebnis
Das Essen auf dem Djemaa el Fna ist gemessen an der Qualität teurer, als es in Marrakesch sein müsste. Aber das Spektakel und das Erlebnis sind unschlagbar – lass dir dieses Abenteuer mindestens einmal nicht entgehen!
Frühstück auf dem Djemaa el Fna
Bietet deine Unterkunft kein Frühstück an, ist der Djemaa el Fna eine stimmungsvolle Alternative, um in den Tag zu starten. Auf der Ost- und Südseite des Platzes findest du schon morgens kleine Cafés und Restaurants, beispielsweise das bekannte Snack Toubkal. Hier bekommst du für wenig Geld ein gutes marokkanisches Frühstück (Crêpe, Baguette, Konfitüre, Honig) inklusive Kaffee und frisch gepresstem Orangensaft. Es ist eine wunderbare Möglichkeit, von draußen mit Blick auf den Platz zu beobachten, wie die Geschäftigkeit langsam in Fahrt kommt.

Tipps zum Erkunden des Djemaa el Fna
Der Platz mag auf den ersten Blick chaotisch wirken, doch mit einigen grundlegenden Tipps kannst du das pulsierende Herz der Medina sicher und entspannt erkunden.
Orientierung
Der Djemaa el Fna ist nicht nur das unbestrittene Zentrum der Medina, sondern auch dein wichtigster Ankerpunkt. Alle wichtigen Gassen führen früher oder später auf den Platz, sodass die Orientierung nicht allzu schwerfällt. Von hier aus hast du einen direkten Blick und eine Straße zur majestätischen Koutoubia-Moschee im Westen.
- Standort: Google Maps
Der Platz selbst ist tagsüber (ab Vormittag) und abends für den Pkw-Verkehr gesperrt. Willst du dich mit dem Taxi bringen lassen, lass dich am besten nahe der Koutoubia absetzen oder an den südlichen Anfangspunkten wie der Rue de Moulay Ismail oder der Passage Prince Moulay Rachid, die direkt zum Platz führen. Er gilt als eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten von Marrakesch und ist der perfekte Startpunkt für die Entdeckung weiterer Highlights der Stadt.

Praktisch ist der Djemaa el Fna auch als Ausgangspunkt:
- Souks: Von hier aus kannst du deine Erkundung der verwinkelten Souks gezielt starten, da alle Hauptgassen von diesem zentralen Punkt ausgehen.
- Ausflüge: Viele Minibusse für Ausflüge außerhalb Marrakeschs sammeln sich in den frühen Morgenstunden an beliebten Treffpunkten wie dem Café de France.
- Markthalle: Am östlichen Ende des Platzes, in der Nähe der Moschee, liegt hinter einem unscheinbaren Tor eine kleine Markthalle. Hier kannst du günstig frisches Obst, Gemüse und andere Lebensmittel kaufen.
Solltest du dich dennoch einmal verirren, genügt oft ein offenes Ohr für die freundliche, aber geschäftstüchtige Frage „A la place?“, die dir den Weg weisen soll.
Fotografieren auf dem Djemaa el Fna
Die goldene Regel lautet: Immer um Erlaubnis fragen, bevor du Menschen fotografierst. Darsteller und Künstler sehen das Fotografieren als Einnahmequelle. Kläre den Preis (ca. 10–50 DH) vor der Aufnahme, um Missverständnisse zu vermeiden, da die geforderten Beträge sonst schnell dreist wirken können.
Wenn du Panorama- oder Stimmungsbilder ohne Interaktion aufnehmen möchtest, sind die Café-Terrassen an der Ostseite (wie Café Glacier oder Café de France) die beste Wahl. Von dort hast du bei einem frisch gepressten Saft oder einem Minztee einen stimmungsvollen Überblick über das bunte Treiben und die Rauchschwaden der Garküchen.
Sicherheit und Umgang mit Scammern
Auf dem Djemaa el Fna flanieren abends Tausende Menschen. Trotz dieser Masse geschieht dort fast nie etwas, was am dichten Netz sozialer Kontrolle und der Abwesenheit von Alkohol liegt. Vor Taschendiebstahl musst du dich nach gängiger Erfahrung kaum fürchten.
Dennoch ist der gesunde Menschenverstand gefragt: Lasse Wertsachen nicht offen liegen und trage diese in geschlossenen Taschen bei dir. Die größere Gefahr geht von Scammern aus, die sich auf Henna, Tiershows oder aufdringliche „Führungen“ spezialisiert haben. Hier hilft manchmal nur ein deutliches „La Shokran“ (Nein, danke), wenn Ignorieren nicht weiterführt.
- In diesem Artikel findest du mehr Infos über Abzocken und Scams in Marokko
Hygienehinweise
Das Essenserlebnis in den Garküchen gehört zu Marrakesch, doch die Hygieneaspekte erfordern Vorsicht. Seit den Modernisierungen verfügen die Stände zwar über Wasseranschlüsse, dennoch ist nicht alles perfekt. Um Magenprobleme zu vermeiden, solltest du auf rohe Salate verzichten und dir nach dem Essen die Hände desinfizieren. Es ist ratsam, ein kleines Fläschchen mit Handdesinfektion für solche Fälle immer dabei zu haben.
Fazit zum Djemaa el Fna
Der Djemaa el Fna ist weit mehr als nur ein Platz; er ist der Herzschlag von Marrakesch und bietet das vielleicht größte Schauspiel Nordafrikas. Die unschlagbare Mischung aus Gerüchen, Geräuschen und Menschen macht diesen Ort so einzigartig. Wer nach Marrakesch reist, kann dieses Spektakel nicht ignorieren.
Auch wenn mancherorts die Qualität der Garküchen und die Aufdringlichkeit einiger Händler kritisiert werden, bleibt der Djemaa el Fna ein unverzichtbares Erlebnis. Persönlich meide ich die Essensstände inzwischen, da man die raffinierte marokkanische Küche andernorts oft besser und günstiger findet.
Doch ich komme nicht umhin: Kein Besuch in Marrakesch ist ohne den abendlichen Besuch des Platzes vollzählig. Suche dir einen der Teestände am südlichen Ende der Garküchen. Mit einem dampfenden Ginsengtee in der Hand lässt sich das unvergleichliche Chaos, das sich täglich vor deinen Augen abspielt, in vollen Zügen und doch mit etwas Abstand genießen.
Wer die Atmosphäre lieber mit etwas Distanz genießen möchte, kann das in einem der vielen Cafés und Restaurants in der Nähe des Platzes tun. Den besten Überblick über das Spektakel auf dem Djemaa el-Fna bekommst du von der Terrasse des Café de France.
Häufig gestellte Fragen zum Djemaa el Fna (FAQ)
Die korrekte und im Deutschen übliche Schreibweise lautet Djemaa el Fna. Dieser Name leitet sich direkt aus dem Arabischen ab und sollte idealerweise beibehalten werden. Im Internet kursieren oft abweichende Schreibweisen wie Jema el Fna, Dschema el Fna oder Djamaa el Fna, die jedoch als fehlerhaft gelten. In englisch- und französischsprachigen Reiseführern sowie auf offiziellen Schildern findet man häufig die Transkriptionen Jemaa el-Fnaa oder Jemaa el-Fna.
Die wörtliche Übersetzung aus dem Arabischen (ǧāmiʿ al-fanāʾ) meint eigentlich „Versammlung des Verschwindens“ oder „Vergänglichkeit“. Trotz dieser etymologischen Deutung ist der Platz historisch als „Platz der Geköpften“ bekannt. Dieser düstere Beiname stammt aus dem 12. Jahrhundert, als der Platz als öffentliche Gerichtsstätte diente und die Köpfe von Exekutierten zur Schau gestellt wurden.