Die Chellah in Rabat

Auf einem Plateau über der Mündung des Bou-Regreg liegen zwei Epochen unmittelbar übereinander. Die Anlage vereint die Überreste der römischen Stadt Sala Colonia mit der im 14. Jahrhundert errichteten Nekropole der Meriniden-Dynastie. Diese architektonische Verdichtung macht das zum UNESCO-Welterbe gehörende Gelände zu einem Ort, an dem man die Geschichte Marokkos hautnah erleben kann.

Die heutige Gestalt des Areals wurde maßgeblich vom Erdbeben von 1755 geprägt. Die Zerstörung der massiven Steinbauten schuf Raum für eine Vegetation, die das Gelände heute wie einen verwunschenen Garten wirken lässt. Im unteren Teil lassen die Fundamente des Forums und des Capitoliums die römische Stadtplanung erkennen. Dagegen befinden sich im oberen Bereich die filigranen Ruinen der Koranschule sowie die Grabmale der Sultane.

Ein Charakteristikum der Ruinenstadt ist die große Storchenkolonie. Die Vögel nutzen die verbliebenen Mauerreste und das Minarett als Nistplätze und prägen das Bild der Anlage ebenso wie die heiligen Aale in den Wasserbecken der einstigen Moschee.

Geschichte der Chellah in Rabat

Die Anfänge: Phönizier und Karthager 

Die Frühgeschichte am Bou-Regreg ist eng mit der Seefahrt der Antike verknüpft. Obwohl phönizische Stützpunkte ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. anhand von Funden vermutet werden, bleibt eine dauerhafte Besiedlung archäologisch umstritten. Gesichert ist allerdings die Existenz eines karthagischen Außenpostens ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. Die Siedlung trug den punischen Namen „Shalat“, was vermutlich „Fels“ bedeutet.

Die günstige Lage bot Schutz und ideale Bedingungen für den Fernhandel. Damit legten die Karthager den Grundstein für die urbane Entwicklung, bevor das Gebiet unter den Einfluss mauretanischer Könige und schließlich des Römischen Reiches geriet.

Sala Colonia: Die römische Herrschaft 

Um 40 n. Chr. gliederte Kaiser Claudius die Region als Provinz Mauretania Tingitana in das Römische Reich ein. Zuvor war das Gebiet ein Vasallenstaat der mauretanischen Könige Juba II. und Ptolemäus. Die neue Stadt Sala Colonia entwickelte sich zum wichtigen Flottenstützpunkt und zum wirtschaftlichen Zentrum, das unter Trajan weitreichende Stadtrechte erhielt.

Archäologisch belegt sind ein Forum, ein Triumphbogen und der Decumanus Maximus. Als Endpunkt der römischen Küstenstraße diente der Hafen als Zwischenstation für den Handel mit den Purpurinseln. Selbst nach dem Rückzug der Legionen im 4. Jahrhundert blieb Sala durch eine Militäreinheit und Handelskontakte bis ins 5. Jahrhundert hinein mit Rom verbunden. Byzantinische Funde belegen eine Besiedlung bis ins 7. Jahrhundert.

Verfall und islamische Neubesiedlung 

Nach dem Ende der römischen Verwaltung verfiel Sala und lag im 7. Jahrhundert weitgehend in Ruinen. Erst ab dem 10. Jahrhundert führte die strategische Lage am Bou-Regreg zu einer Wiederbelebung durch den Bau eines Ribat, einer befestigten Grenzfestung.

Um 1030 verlagerte sich der Siedlungsschwerpunkt auf das gegenüberliegende Nordufer, wo die heutige Stadt Salé entstand. Während die Dynastien der Almoraviden und Almohaden ab dem 11. Jahrhundert bedeutende Festungen wie die Kasbah der Udayas errichteten, blieb das ehrgeizige Projekt einer neuen Königsstadt durch Kalif al-Mansur unvollendet. In der Folgezeit entwickelte sich Salé zum urbanen Zentrum. Das antike Siedlungsgebiet auf dem Südufer verlor hingegen an Bedeutung.

Die Meriniden-Nekropole: Blütezeit und Sakralbau 

Ab 1284 belebten die Meriniden das antike Sala als königliche Nekropole neu. Sultan Abu Yusuf Ya’qub errichtete dort eine Moschee und Mausoleen. Ihre architektonische Blüte erlebte die Anlage unter Abu Sa’id Uthman II., der das Areal mit einer monumentalen Stadtmauer umschloss, sowie unter seinem Sohn Abu al-Hasan, der 1339 das Prunkportal vollendete. In dieser Phase entstanden zudem eine Madrasa und ein Wohnviertel mit eigener Wasserversorgung.

Abu al-Hasan war 1351 der letzte Sultan, der hier bestattet wurde. Danach verlagerte sich die Grablege nach Fès, doch die Chellah blieb als religiöser Ort und Pilgerstätte von hoher Bedeutung.

Nach der Meriniden-Zeit und Moderne 

Mit dem Ende der Meriniden-Dynastie im 15. Jahrhundert setzte der Verfall der Anlage ein. Das Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755 zerstörte schließlich die meisten Gebäude. Dennoch blieb der Ort als religiöses Zentrum bedeutend, da Sufi-Gelehrte die Madrasa weiterhin nutzten und die Stätte zum regionalen Wallfahrtsort aufstieg.

Lokale Legenden schrieben den Quellen und Tieren maraboutische Heilkräfte zu. Die systematische archäologische Erforschung begann Ende des 19. Jahrhunderts. Erst im November 2023 entdeckten Forscher hier den ersten römischen Hafendistrikt Marokkos sowie eine lebensgroße Statue. Heute dient Chellah als Gartenanlage, in der die Natur die Ruinen zurückerobert hat.

Die römischen Ruinen: Architektur und Stadtplanung

Die Ausgrabungen offenbaren das einstige monumentale Zentrum von Sala Colonia, das sich terrassenförmig über einen Hang erstreckte. Die Stadt folgte einem regelmäßigen Raster, das von den beiden Hauptachsen, Decumanus Maximus und Cardo Maximus, bestimmt wurde.

Das Forum und die Tempelanlagen

Im östlichen Teil des Geländes liegt das Forum, der zentrale Marktplatz der Stadt. An dessen Nordseite befinden sich die Ruinen eines Tempels mit fünf Kammern. Archäologen diskutieren bis heute über dessen Alter, da einige Merkmale auf die vorrömische mauretanische Ära hindeuten. An der Südseite des Forums schlossen sich Ladenlokale an, die zu einer tiefer gelegenen Straße führten.

Das Capitolium und der Triumphbogen 

Westlich des Forums dominiert das Capitolium als massiver Tempelbau das Stadtbild. Errichtet unter Kaiser Hadrian um 120 n. Chr., nutzte das Bauwerk die Hanglage architektonisch geschickt aus. Im Untergeschoss waren neun gewölbte Kammern integriert, die als Fundament für den eigentlichen Tempel dienten. Über diesen Unterbauten erhob sich die sakrale Halle, die einst von einer stattlichen Säulenhalle umschlossen war. 

In direkter Nachbarschaft zum Tempel unterstreichen weitere Ruinen den urbanen Charakter der Stadt. Zwischen dem Capitolium und der Curia, dem einstigen Versammlungsort der Bürger, sind die Fundamente eines Triumphbogens sichtbar. Die Curia zeichnet sich durch eine markante achteckige Öffnung im Boden aus, die zu einem unterirdischen Nymphaeum führt. Die Überreste der römischen Bäder liegen weiter östlich und sind heute nahezu unmittelbar in die späteren mittelalterlichen Strukturen eingebettet.

Die Architektur der Meriniden-Nekropole

Die Anlage ist von einer massiven Mauer aus Stampflehm umgeben, die ein etwa fünfeckiges Areal umschließt. Das Herzstück ist der religiöse Komplex im Südosten, der eine Moschee, eine Koranschule sowie mehrere Mausoleen umfasst.

Das monumentale Haupttor 

Das 1339 vollendete Nordwesttor gilt als eines der bedeutendsten Beispiele der merinidischen Baukunst. Es ist aus Backstein und Haustein gefertigt und zeigt den typischen Hufeisenbogen, der von kunstvollen Arabesken und einer Kufi-Inschrift eingerahmt wird. Die flankierenden Türme wechseln ihre Form von einer halb-achteckigen Basis zu quadratischen Aufsätzen, wobei der Übergang durch dekorative Stalaktitengewölbe gestaltet wird.

Die Grabstätten der Sultane 

Hinter der Gebetsmauer der Moschee liegt die Rawda, ein Gartenfriedhof mit den Mausoleen der Herrscher. Das Grab von Abu al-Hasan ist am besten erhalten und weist Wände auf, die mit Flachreliefs, Koransuren und geometrischen Mustern aus Stein und Mosaikfliesen bedeckt sind. Die Gräber von Abu Sa’id und Shams al-Ḍuḥa waren einst quadratische Kammern mit Kuppeln, von denen heute nur noch die Grundmauern stehen.

Die Madrasa und das Minarett 

Die Koranschule im Nordosten folgt dem klassischen Aufbau mit einem länglichen Innenhof und einem zentralen Wasserbecken. Besonders markant ist das 15 Meter hohe Minarett, das mit Rautenmustern und bunten Kachelmosaiken verziert ist. Den Gang um die Gebetsnische im Gebetssaal nutzen Pilger für rituelle Umkreisungen.

Hammam und Quellen 

Im Osten der Anlage steht ein gut erhaltener Hammam. Er verfügte über die klassische Raumfolge aus Umkleide, Kalt-, Warm- und Heißraum, die über ein historisches Heizsystem betrieben wurden. Ein weiteres Element ist das Wasserbecken der Moschee. Ursprünglich für Waschungen vorgesehen, wird es heute von der Paradiesquelle gespeist. In diesem Becken leben die berühmten Aale, die in der lokalen Folklore als heilige Tiere verehrt werden.

Besichtigung der Chellah in Rabat

Die Nekropole liegt etwa zwei Kilometer vom Stadtzentrum Rabats entfernt. Ein Fußweg vom Rand der Innenstadt ist möglich, allerdings nutzen die meisten Besucher für die Anfahrt ein Taxi. Das Gelände ist täglich von 9:00 bis 17:00 Uhr geöffnet und der Eintritt beträgt etwa 70 MAD.

Ein befestigter Pfad führt Besucher in chronologischer Reihenfolge durch die verschiedenen Epochen der Anlage. Der Weg beginnt bei den römischen Fundamenten, führt weiter zu den mittelalterlichen Bauwerken der Meriniden und endet bei den Grabstätten der Marabouts. Die Beschilderung vor Ort ist auf Arabisch und Französisch verfasst. Da viele architektonische Details ohne Hintergrundwissen schwer einzuordnen sind, empfiehlt sich die Buchung einer Führung.

Die Monate im Frühling gelten als ideal für einen Besuch, da zu dieser Zeit die Gärten blühen und die Storchenkolonie am aktivsten ist. Ein Ausflug zur Chellah lässt sich gut mit einem Besuch der Kasbah der Udayas verbinden, die etwa 15 Minuten mit dem Taxi entfernt liegt. Da die Anlage aufgrund der Marabout-Gräber weiterhin als heiliger Ort gilt, werden respektvolles Verhalten und angemessene Kleidung vorausgesetzt.

Autorenbild Schmidt

Joachim Schmidt ist Journalist und Kommunikationswissenschaftler. Seit 2000 ist er jedes Jahr in Marokko unterwegs, zunächst als Backpacker, später als Reisejournalist und heute am liebsten mit der Familie. Dabei verbindet er sein gesammeltes Hintergrundwissen mit großer Leidenschaft für die marokkanische Kultur und Küche. Seinen Tag beginnt er am liebsten mit einem Espresso in einem kleinen Straßencafe in der Medina.