Die Kasbah von Telouet

Zwischen Marrakesch und Ouarzazate, abseits der vielbefahrenen Hauptroute, liegt die Kasbah von Telouet. Die Lehmburg ist ein Denkmal des extremen Aufstiegs und des tiefen Sturzes des Glaoui-Clans.

Unter einer Kasbah versteht man in Marokko eine Festungsanlage, die mächtigen Familien sowohl als Schutzraum als auch als prunkvoller Wohnsitz diente. In Telouet errichtete man die Mauern aus Lehm und Stein direkt an der alten Karawanenstraße, über die einst Gold, Salz und Sklaven aus der Sahara über den Atlas nach Norden transportiert wurden. Wer die Festung kontrollierte, beherrschte den Handel und demonstrierte seinen Reichtum weithin im Gebirge sichtbar.

Heute fahren viele Reisende auf dem Weg zum berühmten Aït Ben Haddou achtlos an der Abzweigung vorbei. Doch der Umweg über die schmale Bergstraße führt zu einer Überraschung. Hinter der verfallenden Fassade verbirgt sich ein Innenleben, das an Pracht mit den Palästen der Kaiserstädte mithalten kann.

Thami El Glaoui, der „Pascha von Marrakesch“, machte Telouet im frühen 20. Jahrhundert zu seinem Machtzentrum. Durch sein enges Bündnis mit der französischen Kolonialmacht wurde er zum einflussreichsten Mann Südmarokkos. Für nur 20 Dirham Eintritt können Besucher die Räume im Obergeschoss besichtigen, in denen feinste Mosaike und Holzschnitzereien sich surreal von den umliegenden Ruinen abheben.

Geschichte der Kasbah Telouet: Aufstieg und Fall der Glaoui

Die Kasbah Dar Glaoui war der Stammsitz der wohl mächtigsten Berberfamilie des Südens. Bevor die Franzosen die moderne Passstraße über den Tizi-n-Tichka bauten, führte der gesamte Warenstrom von Timbuktu nach Marrakesch direkt an ihren Mauern vorbei. Wer hier passieren wollte, zahlte Zoll. Dieser Reichtum, ergänzt durch die Erträge der nahegelegenen Salzminen, machte den Clan zu den faktischen Herrschern über den Hohen Atlas.

Thami El Glaoui, der bekannteste Vertreter der Familie. Er sicherte seine Macht durch ein enges Bündnis mit der französischen Kolonialverwaltung. Als Pascha von Marrakesch stieg er zu einer der wichtigsten politischen Figuren auf, die ihre Interessen oft mit roher Gewalt gegenüber lokalen Stämmen durchsetzte. Für viele Marokkaner galt er daher zeitlebens als Verräter der eigenen Unabhängigkeitsbewegung.

Mit dem Ende des Protektorats 1956 stürzte das Machtgefüge der Glaoui in sich zusammen. Von den abziehenden Franzosen im Stich gelassen, starb der Pascha nur wenige Monate nach der Unabhängigkeitserklärung in seiner Festung. Die Kasbah wurde vom Staat beschlagnahmt und blieb jahrzehntelang als Symbol der Kollaboration dem Verfall überlassen. Erst in jüngster Zeit legen Restaurierungen den extremen Luxus der Empfangssäle wieder frei, deren andalusisches Dekor in hartem Kontrast zu den heute ruinösen Außenmauern steht.

Kunst & Architektur der Kasbah Telouet

Hinter der Fassade aus zerfallendem Stampflehm verbirgt sich in Telouet ein unerwarteter Reichtum. Von außen gleicht die Anlage einer typischen, wehrhaften Berberfestung, auf deren Türmen heute Weißstörche nisten. Doch sobald man das Innere betritt, ändert sich der Stil radikal hin zu einem andalusischen Stadtpalast.

Dieser krasse Gegensatz war Absicht: Die Legende besagt, dass 300 Handwerker drei Jahre lang ausschließlich mit der Dekoration beschäftigt waren. In den Privatgemächern finden sich feinster Stuck (Stucco) und leuchtende Zellij-Mosaike, die in ihrer Qualität den Palästen in Fès oder Marrakesch in nichts nachstehen. Die Decken wurden aus schwerem Zedernholz geschnitzt und die Dächer mit den grünen Keramikziegeln gedeckt, die in Marokko allein herrschaftlichen Bauten vorbehalten waren.

Dass die Kasbah heute in weiten Teilen eine Ruine ist, liegt an der jahrzehntelangen Vernachlässigung. Nach der Flucht der Glaoui verhinderte zunächst die staatliche Beschlagnahme und später ein langer Erbstreit jegliche Instandhaltung. Das wertvolle bewegliche Inventar wurde längst in königliche Residenzen gebracht. Erst seit kurzem wird versucht, die prachtvollsten Räume durch gezielte Restaurierung vor dem endgültigen Verfall zu retten.

Was gibt es in Telouet außer der Kasbah

Der Ort Telouet hat seinen Charakter als Bergdorf bewahrt. Wer das unverfälschte Alltagsleben erleben möchte, sollte den Donnerstag einplanen. Denn am Markttag kommen die Bewohner aus den umliegenden Tälern zu Souk, um Vieh, Getreide und Haushaltswaren zu handeln.

Ein Spaziergang durch das Dorf lohnt sich besonders unterhalb der Kasbah. Dort liegt das Viertel der Haratin, der Nachkommen ehemaliger Sklaven und Bediensteter der Glaoui. Folgt man dem Weg weiter hinunter zum Fluss, gelangt man zur alten Mellah. In diesem ehemaligen jüdischen Viertel stehen noch die Gebäude mit ihren charakteristischen kleinen Ladenöffnungen. Sie sind heute ein beliebtes Motiv für Fotografen, da die Geschäfte seit der Abwanderung der jüdischen Gemeinde leer stehen.

Im Dorf engagiert sich eine Kooperative für den Erhalt lokaler Traditionen. Hier werden unter anderem Teppiche aus Kaktusfeigenfasern gewebt. Diese glänzenden, seidigen Textilien sind eine Spezialität der Region und in dieser Form kaum anderswo in Marokko zu finden.

Restaurants und Hotels in Telouet

Trotz der abgeschiedenen Lage gibt es eine gute Infrastruktur für Individualreisende. Direkt am Souk-Platz finden sich einfache Restaurants wie das Auberge Restaurant Telouet, die traditionelle Tajines, Brochettes und Couscous servieren. 

Zum Übernachten eignen sich familiengeführte Gästehäuser wie das Tizi Maison d’Hôtes, das Riad Bouchahoud oder die Kasbah Tigmi N’Oufella, die einen spektakulären Ausblick auf die Ruinen der Festung und die umliegenden Berge bieten.

Tizi Maison d’Hôtes
Kasbah Tigmi N’Oufella
Riad Bouchahoud

Anreise

Die Fahrt von Marrakesch aus führt über den Tizi-n-Tichka, den höchsten Pass Nordafrikas mit einer Höhe von 2.260 Metern. Da die Passhöhe im Winter bei Schneefall kurzzeitig gesperrt sein kann, empfiehlt sich bei schlechter Witterung ein kurzer Blick auf die aktuelle Straßenlage.

Mit dem Auto

Man folgt der Nationalstraße N9 von Marrakesch nach Ouarzazate. Etwa 15 Kilometer hinter der Passhöhe zweigt links die Straße nach Telouet ab. Für die rund 130 Kilometer lange Strecke sollte man aufgrund der vielen Serpentinen mindestens 2,5 bis 3 Stunden einplanen. Die Straße ist durchgehend asphaltiert, verlangt am Berg jedoch volle Konzentration.

Mit Bus und Grand Taxi

Wer öffentliche Verkehrsmittel nutzt, nimmt einen Fernbus (z. B. CTM) Richtung Ouarzazate und steigt in Agouim aus. Von dort aus überbrücken Grand Taxis die verbleibenden 20 Kilometer bis nach Telouet. Alternativ gibt es am frühen Nachmittag gelegentlich Direktbusse vom Busbahnhof Bab Doukkala in Marrakesch ab. Deren Abfahrtszeiten sind jedoch unregelmäßig und sollten vor Ort aktuell erfragt werden.

Weiterfahrt durch das Ounila-Tal nach Aït Ben Haddou

Statt auf demselben Weg zur Hauptstraße zurückzukehren, bietet sich die Weiterfahrt über die P1506 an. Diese alte Karawanenroute durch das Ounila-Tal verbindet Telouet direkt mit dem UNESCO-Weltkulturerbe Aït Ben Haddou und zählt zu den landschaftlichen Höhepunkten der Region.

Die schmale Asphaltstraße folgt dem Lauf des Ounila-Flusses. Hier bildet die Vegetation ein grünes Band aus Gärten und Palmen, das in starkem Kontrast zu den ockerfarbenen Canyonwänden steht. Unterwegs passiert man kleine Lehmdörfer und zerfallende Kasbahs, die kaum von den Felsen zu unterscheiden sind. Ein besonderer Halt lohnt sich bei den Höhlen von Tazleft, die einst direkt in den Sandstein geschlagen wurden.

Für die rund 35 Kilometer bis Aït Ben Haddou sollte man etwa eine Stunde reine Fahrzeit rechnen. Die Strecke ist zwar für normale PKW gut ausgebaut, aber auch kurvig und bietet hinter jeder Biegung neue Fotomotive. Wer diesen Weg wählt, lässt den Transitverkehr über den Tichka-Pass hinter sich und taucht tief in das ländliche Marokko ein.

Autorenbild Schmidt

Joachim Schmidt ist Journalist und Kommunikationswissenschaftler. Seit 2000 ist er jedes Jahr in Marokko unterwegs, zunächst als Backpacker, später als Reisejournalist und heute am liebsten mit der Familie. Dabei verbindet er sein gesammeltes Hintergrundwissen mit großer Leidenschaft für die marokkanische Kultur und Küche. Seinen Tag beginnt er am liebsten mit einem Espresso in einem kleinen Straßencafe in der Medina.